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Der Kellner dimmt das Licht im Lokal. Kerzenflammen flackern im heulenden Luftzug, der sich unterhalb der schweren Eichentür und durch die Spalten in den alten Fensterrahmen hereinschmuggelt. Draußen peitscht der Regen durch die Nacht, als stünde wieder einmal der Weltuntergang bevor. Die Stube ist klein und kuschelig gefüllt. Rund dreißig Personen warten andächtig. Niemand traut sich mehr zu sprechen, auch die beiden Kellner haben aufgehört zu servieren und abzuräumen. Die Stille wird lediglich durch das Zurechtrücken von Sesseln, hustende Gäste und das Klimpern der Eiswürfel im Glaskrug, der mit billigem Sangria angefüllt ist, unterbrochen. In einer hinteren Ecke funkeln Manschettenknöpfe, ein Ring und eine goldene Uhr im fahlen Kerzenschein. Zwar lässt sich in der Dunkelheit eine Gestalt erahnen, aber ob es der Tod oder der Pate höchstpersönlich ist, bleibt vorerst offen.

Tuschelnd besprechen die beiden Gitarristen die nächste Nummer, bevor urplötzlich ihre Finger über die Saiten flitzen, daran zupfen und sie streichen. Wärmend-trauriges Gitarrengeklimper mit hohen Tönen, das zu Tränen rührt. Einer der beiden, Luís ist sein Name, nimmt die Gitarre richtig ins Gebet, als wäre sie eine Verlängerung seiner selbst. Unter den geschlossenen Augen verbirgt er höchste Konzentration. Und kurz darauf durchschneidet seine Stimme den Raum, so voll mit Schmerz, dass mir unwohl wird. Tief unten in der Seele sticht es. Und genau diesen Schmerz lässt Luís nun schluchzend und schleppend aus seiner Kehle heraus, sodass man ihn gleich wieder mit Portwein hinunterspülen möchte.

Fado ist eine beliebte Musikrichtung, aber auch ein Symbol nationaler Identität. - © Zinggl
Fado ist eine beliebte Musikrichtung, aber auch ein Symbol nationaler Identität. - © Zinggl

"Fado passiert"

"Acontece fado", brummt leise der Lokalbetreiber mit den glasigen Augen, der neben mir Platz genommen hat. "Fado passiert", soll das heißen und bezeichnet jenen seltenen Moment, in dem die Musik, der Fadista und das Publikum miteinander verschmelzen. Luís’ gesungene Worte klingen so verzerrt, das ich nichts verstehe - und doch weiß ich sinngemäß, wovon er spricht. Denn Freund Luís teilt sich über seine Emotionen mit. Er singt von Mutterliebe und Kindheitserinnerungen, die einen unsichtbaren Dämon namens Melancholie mit sich bringen, über Vergangenes und Unendliches sowie über generellen Weltschmerz.

Das also ist Fado, dieser markant-monotone akustische Wahnsinn Portugals, der durch das Gehör in Mark und Bein fließt, wie einer dieser kalten und feuchten Regentage im winterlichen Lissabon. Müsste man die Stadt in ihren Klängen erfassen, wäre Fado unerlässlich.

In jedem Lied erzählt Fado ein Stück vom Leben, wenngleich in ihm selbst nur bedingt Leben steckt, da ihn die Monotonie fest im Würgegriff hält. Und dennoch ist er unterhaltsam, irgendwie. Fado ist tiefschwarz und dunkel und klingt wie Blues, aber ohne den Einfluss afroamerikanischer Rhythmen, dafür begleitet von einem birnenförmigen, zwölfsaitigen Instrument, das aussieht wie eine Laute: die portugiesische Gitarre. Fado-Texte lesen sich wie ein Gemisch aus betrunkener Poesie und nostalgischer Lyrik mit immer gleichem Inhalt: dem ach so miserablen Schicksal, das immer wieder mal bei dir vorbeischaut und dich verschluckt, bevor es dich wieder ausspuckt, ehe du noch Zeit hast, endgültig abzudanken. Du überlebst gerade noch, trägst aber erheblichen Schaden davon. Zum Sterben zu viel, zum Leben zu wenig. Viele Portugiesen haben einen Hang zu diesen nostalgischen, schwermütigen Balladen, wie auch Bosnier, Kurden, Perser und Afghanen.

Luís fällt innerlich zusammen, als ihn die Zuseher mit tosendem Applaus erlösen. Sein Höllenritt ist vorbei, und unserer auch. Bis zum nächsten Lied, wo er uns wieder für einen Augenblick in seine Seele schauen lässt - und genau hier fängt mein Problem mit Fado an. In kleinen Dosen tut er gut und ist wunderbar ergreifend. Es sind schmerzhaft-schöne Stiche ins Herz, die kurz zwicken und brennen. Sie hinterlassen Wärme und Schlagseite. Melancholische Menschen brauchen diese Mittel, um zu überleben.

Jammerkunst

Fado in Überdosis hingegen ist einfach nur schmerzhaft - für die Zuhörer ebenso wie für den Fadista selbst. In mir vergrault das Gejammer Leib und Seele, wirkt wie ein Horrortrip über kurvige Bergstraßen zur Mittagszeit im Hochsommer, mit einem üblen Kater im Kopf. Aber ja, so geht es mir, wie gesagt: In Portugal stehen die Leute drauf.

Um seinen Rachen zu reinigen, nippt Luís in der Gesangspause an seinem Weinglas. "Alles ist Fado", spricht er durch den Alkoholdunst. "Es ist unser Lebenselixier." Ein Zaubertrank, dessen Rezept nicht gelehrt werden kann, denn entweder kommt man als Fadista zur Welt oder lässt es besser gleich bleiben. "So will es unsere Tradition", sagt Luís. "Fadista sein ist kein Beruf, den du erlernen kannst, sondern eine Berufung."

Während ich also an portugiesischen Universitäten so ziemlich alles studieren könnte, vom Restaurieren von Spielpuppen bis hin zum Bemalen von Wandkacheln, ist Fado ein Geschenk Gottes, ein Talent, das es zu fördern gilt. Angehende Fadistas lernen die Musik auf mittelalterliche Art: von den alten Meistern, durch Zuhören, Nachsingen und Fehlermachen. Luís kam bereits als Kind in Kontakt mit Fado, da sein Vater, Luís senior, ebenfalls Fadista ist. Der wiederum bekam die musikalische Melancholie von seinem Vater eingehaucht, und dieser von Luís’ Urgroßvater. Und so geht die Familiengeschichte zurück, bis sie sich irgendwo verliert im legendenhaften Ursprung des Fado Anfang des 19. Jahrhunderts. Die einen werden traditionsgemäß Hirten, Bauern oder Wirte, andere haben den Drang, ihre schicksalhaften Emotionen über Gesang zu entfalten, in ihren Genen.