1899 wurde der Allrounder Albala in der Zeitschrift "Das interessante Blatt" porträtiert. - © ANNO/Östereichische Nationalbibliothek
1899 wurde der Allrounder Albala in der Zeitschrift "Das interessante Blatt" porträtiert. - © ANNO/Östereichische Nationalbibliothek

"Ein zahlreiches sportliches Publikum, darunter viele Radfahrer" habe sich am Sonntag, 25. Juli 1897 um acht Uhr morgens in "Friedmann’s Gasthaus" bei Kilometerstein 1 in Neu-Kagran in Wien eingefunden, berichtete das "Neuigkeits-Weltblatt". Sie alle erlebten den Start der ersten modernen Laufveranstaltung auf dem Gebiet des heutigen Österreich.

Acht Läufer nahmen eine Distanz von 25,6 Kilometer in Angriff, die über Aspern, Essling und Großenzersdorf nach Osten bis zum Wendepunkt bei "Meisl’s Wirtschaft" in Oberhausen führte. Von dort ging es auf gleichem Weg zurück zum Ausgangspunkt. Fünf der acht Teilnehmer schafften es ins Ziel. Sieger war der 20-jährige Mauricio Diego Albala aus Wien in 1 Stunde 59 Minuten und 53 "2/5 Sekunden".

Man muss den Namen des Siegers wirklich genau lesen, um phonetisch nicht im Fußball der Gegenwart zu landen. Und man sollte ihn kennen. Denn Albala ist eine zentrale, wenn auch vergessene Figur aus der Frühzeit des modernen Sports in Österreich. Der am 15. Juni 1877 in Temesvar geborene sephardische Jude ist für viele Bereiche des Sports der historische Bezugspunkt. Ein bewegungs- und sprachbegabter Pionier, der noch vor Beginn des 20. Jahrhunderts an mehreren Entwicklungen in Leichtathletik und Fußball prägend beteiligt war - als Sportler, Funktionär und Journalist.

"Athletisches Sportfest"

Rückblende 1897. Wenige Wochen nach dem 25-km-Lauf von Neu-Kagran veranstaltete der Sportclub "Hungaria" mit Mauricio Diego Albala als treibende Kraft das erste Leichtathletikmeeting in Wien. Schauplatz war die damalige "Waffenradbahn" in der Kronprinz-Rudolf-Straße (heute Lassallestraße) nahe des Pratersterns. Leichtathletikanlagen gab es keine, so fand Albala auf einer der bestehenden Radbahnen einen Austragungsort.



Der Radsport zählte damals rund 300 Vereine und erlebte bei allen, die es sich leisten konnten, einen wahren Boom. Das erste "athletische Sportfest" ging am 8. August 1897 über die Bühne. Albala selbst trat in den Läufen über die Meile und über die "Deutsche Meile" (7,5 km) an; er wurde jeweils Dritter. "Es ist nicht möglich, Alles aufzuzählen, was schlecht war", fällte die "Allgemeine Sportzeitung" ein vernichtendes Urteil - doch ein Anfang war gemacht.

Am 25. September des gleichen Jahres nahm Albala als erster Österreicher an einem "Marathon" teil. In Budapest lief er eine damals übliche 40-km-Strecke in 4:06:00 Stunden und holte den dritten Platz. Binnen zwei Monaten des Jahres 1897 brachte er damit Premieren als Laufsieger, Meeting-Organisator und Marathonläufer zustande. Erst ein Jahr später führte der oft als Urzelle der österreichischen Leichtathletik gesehene Wiener Athletiksport-Club (WAC), der bereits 1896 gegründet worden war, seinen ersten Leichtathletikbewerb durch.

Albala war Vorläufer eines neuen sozialen Phänomens. Was heute als Sport allgegenwärtig ist, war bis ins letzte Viertel des 19. Jahrhunderts in Österreich praktisch unbekannt. Sport war elitär, eine Angelegenheit von Adeligen und Großbürgern. Pferderennen, Jagd und Rudern machten 90 Prozent der beginnenden Sportberichterstattung aus. Fußball, Tennis oder Leichtathletik breiteten sich erst ab 1850 langsam von England ausgehend über das übrige Europa aus. "Wir Continentale sind auf diesem Gebiet Schüler und Nachahmer", formulierte Victor Silberer, der als Gründer und Herausgeber der 1880 bis 1927 in Wien erschienenen "Allgemeinen Sportzeitung" ein zentraler Sport-Promotor war. Deutschland und andere westeuropäische Länder hatten den modernen Sport um gut ein Jahrzehnt früher aufgenommen als Österreich. Auch innerhalb des Habsburgerreichs war Österreich spät dran. So hatte Ungarn bei der Olympiapremiere 1896 in Athen drei Leichtathletik-Medaillen gewonnen. Der österreichische Teil der Monarchie hingegen fehlte in dieser olympischen Kerndisziplin gänzlich.

Mauricio Diego Albala war in dieser Situation im Jahr 1897 die historische Nummer eins. Er nahm an Bahn- und Straßenläufen, Gehbewerben und Geländeläufen teil, war auch im Rad- und Skisport aktiv. Im 10-km-Lauf ist eine Zeit von 37:14 Minuten für ihn überliefert. Einmal lief er von Wien nach Bratislava in 6:28:46 Stunden. Albala war ein sehr guter Läufer, selbstverständlich nicht der einzige, und er spielte als Sportler und Funktionär eine wichtige Rolle in einer Gründerzeit des Sports, als "Erfolge weder Ruhm noch Popularität einbrachten", so die "Wiener Sonn- und Montagszeitung".

Die Leichtathletik betrieb er im Doppelpass mit dem Fußball. Nicht nur als Verteidiger u.a. beim "A.C. Victoria" hat er darin maßgebliche Schritte gesetzt. Albala stand ganz am Beginn dessen, was wir heute als Österreichischen Fußball-Bund kennen. Als 1894 einige in Wien arbeitende Engländer den Anstoß zur Gründung der ersten Fußballvereine gaben, wurde zwar bald eifrig gekickt, es fehlte aber eine übergeordnete Struktur für verbindliche Regeln oder die Erstellung von Auswahlmannschaften.