Eine bildhübsche Portugiesin dunkelt den Raum ab, um Fotos an eine Wand zu projizieren, die ihren Vortrag illustrieren. "Die Geschichte moderner Streetart von Lara Seixo Rodrigues", steht auf der beleuchteten Mauer geschrieben. Der Ort dieser Präsentation? Kein hippes Loft im Szeneviertel Lissabons, sondern das "Santa Casa", ein Tagesheim für Greise, Pensionisten und Menschen mit körperlichen oder geistigen Beeinträchtigungen.

18-köpfige Gruppe

Unter den Besuchern sind Alzheimer- und Parkinson-Patienten ebenso wie Schizophrene. Sie leiden unter Arthrose und Gicht, sehen oder hören schlecht, sitzen im Rollstuhl oder gehen auf Krücken. Die Gestalten in dem Heim versetzen zurück in ein Portugal der 1960er Jahre: depressive Gesichter, Schnauzbärte, Schiebermützen, Hemden mit endlos weitem Kragen, Pullunder in Erdfarben, konservative Röcke, Kittelschürzen, Hornbrillen und Kopftücher.

Initiatorin Lara Rodrigues bringt mittels Schablone das Logo der sprühende Oma an. - © Zinggl
Initiatorin Lara Rodrigues bringt mittels Schablone das Logo der sprühende Oma an. - © Zinggl

"Und, wer waren die allerersten Streetartisten?", fragt Rodrigues in die Runde. Ein Raunen fährt durch die 18-köpfige Gruppe. Dann zeigt sie ein Bild einer Höhlenwandmalerei, zwinkert mit den Augen, lächelt und beantwortet selbst die Frage: "In seiner Ursprungsform ist das moderne Graffiti nichts anderes als die Inschrift an einer Wand."

Am Graffiti-Übungsgelände: Viele Zeichen an der Wand . . . - © Zinggl
Am Graffiti-Übungsgelände: Viele Zeichen an der Wand . . . - © Zinggl

Es folgt eine Einführung in Geschichte, Techniken und unterschiedliche Stile dieser Kunst, ehe Rodrigues die Namen berühmter Graffiti-Künstler aufzählt: JR, Mr. Brainwash, Blek le Rat, Pastel, C215, Swoon, Dondy. Der Wert mancher Bilder, die weltweit in angesagten Galerien hängen, liegt bei 15- bis 20.000 Euro.

Eigentlich ist Rodrigues Architektin, aber nach zehn Jahren in diesem Beruf suchte sie dringend eine neue Lebensaufgabe. Die Zeit, die es benötigte, um die Früchte ihrer Arbeit zu sehen, dauerte der 38-Jährigen zu lange. "Ich wollte unmittelbare, greifbare Ergebnisse, also widmete ich mich fortan dem Kuratieren von Streetart-Projekten", erzählt sie. "Die Besucher in solchen Heimen sitzen lethargisch an ihren Tischen und langweilen sich zu Tode", sagt Rodrigues. "Sie sind frustriert ob ihrer Hilflosigkeit. Warum also nicht etwas Farbe in den tristen Alltag dieser Menschen bringen", dachte sich Rodrigues - und bot den Senioren einen zweitägigen Workshop zum Thema Streetart an.

"Kunst kann Mauern einreißen und Menschen miteinander verbinden. Und Streetart eignet sich besonders dafür", davon ist Rodrigues überzeugt. Und vielleicht hat sie auch selbst ein bisschen Sehnsucht, sich in der Nähe älterer Menschen aufzuhalten. Rodri-
gues’ eigene Großeltern sind bereits verstorben.