Psychiatrie-Gutachten

Bitter endete für Girardi zu dieser Zeit seine Ehe mit der Volkstheater-Schauspielerin Helene Odilon. Wenige Monate nach der Heirat im Mai 1893 hatte die leichtlebige Mimin eine Affäre mit dem Bankier Albert Rothschild begonnen. Um für den wohlhabenden Liebhaber frei zu sein, bat sie den Psychiater Julius Wagner-Jauregg, den Geisteszustand ihres vor Eifersucht glühenden Mannes zu untersuchen.

Der berühmte Arzt stellte prompt die Ferndiagnose, dass Girardi "vom Cocainwahn befallen, irrsinnig und gemeingefährlich" sei, und verfügte die Einweisung in eine Irrenanstalt. Girardi, der davon Wind bekommen hatte, wandte sich in seiner Not an die befreundete Kollegin Katharina Schratt und bat sie um Intervention beim Kaiser. Franz Joseph ordnete prompt eine Untersuchung Girardis durch eine ärztliche Kommission unter Vorsitz des Gerichtspsychiaters Hinterstoißer an, die dem Bühnenstar Geistesgesundheit attestierte. Die Ehe mit Helene Odilon wurde 1897 geschieden. Girardi heiratete später die Adoptivtochter des Klavierfabrikanten Bösendorfer und genoss zwanzig glückliche Ehejahre.

Der Kaiser verfügte nach dem Vorfall eine Neuregelung des Entmündigungsverfahrens. Seither ist für die zwangsweise Einweisung einer Person in eine psychiatrische Klinik ein Gerichtsbeschluss nötig.

Alexander Girardi wurde in Wien, in der Nachfolge von Ferdinand Raimund, als "Komiker des Gemüts" geliebt. Im Volksstück fand er als Charakterdarsteller bei Nestroy, aber mehr noch in den "Original-Zaubermärchen" von Raimund seine Paraderollen: den Fortunatus Wurzel im "Bauer als Millionär", den Rappelkopf im "Alpenkönig und Menschenfeind", vor allem aber den Valentin mit seinem Hobellied im "Verschwender".

Sein jüngerer Kollege Alexander Moissi, nach Girardis Tod dessen Nachfolger als Wiener Publikumsliebling, meinte dazu einst voll Bewunderung: "Ich bin überzeugt, dass Girardis Genie von Natur aus dazu bestimmt und geeignet war, auch die tragischen Gestalten unserer großen Dichter darzustellen!" Karl Kraus hielt Girardis Valentin schlichtweg für "gewiss das größte Ereignis des Wienerischen Theaters".

Unerhört gesteigert wurde Girardis Beliebtheit in Wien durch seine erste Interpretation des Fiakerlieds von Gustav Pieck im Mai 1885 zur Hundertjahrfeier der Fiaker im Prater. Girardi fuhr im Fiaker in die Rotunde ein und hob das Lied unter Beifallsstürmen aus der Taufe. Es wurde ein Schlager, den Girardi unermüdlich überall wiederholen musste.