13 Mal an der Burg

Mit Girardi hat das Virtuosentum auf der Bühne einen ersten überwältigenden Höhepunkt markiert, den die Nachwelt mit großen Persönlichkeiten der Bühne zwar zweifellos künstlerisch, doch kaum an Beliebtheit und Heldenverehrung übertroffen hat.

Zu Beginn des Ersten Weltkriegs zog sich Girardi von der Bühne zurück und lebte wieder in seiner Geburtsstadt Graz. Von Tragik überschattet sind seine letzten Lebenswochen im Frühjahr 1918. Zwei Monate vor seinem Tod erreichte ihn der ersehnte Ruf ans Burgtheater. Insgesamt dreizehn Mal trat er dort, vom Publikum stürmisch akklamiert, auf: zehnmal als Raimunds Fortunatus Wurzel, dreimal als Weiring in Schnitzlers "Liebelei".

Sein letzter Auftritt fand Anfang April, in seiner Leibrolle als Valentin im "Verschwender", bei einem Gastspiel in Pilsen statt. Am 20. April 1918 starb Alexander Girardi in Wien an den Folgen einer Lungenembolie nach einer Beinamputation.

In seinem Nachruf in der "Neuen Freien Presse" schrieb Raoul Auernheimer: "Ein gewisses Etwas, ein poetischer Goldglanz, der jeder seiner Leistungen und mit zunehmenden Jahren in zunehmenden Maße anhaftete, unterschied ihn von seinesgleichen in der Vergangenheit wie von seinen Zeitgenossen, unter denen er, auf seinem eigentlichen Gebiet, nicht seinesgleichen besaß. (. . .) Er war der Schauspieler unseres Nationalcharakters und bezeichnenderweise ein heiterer Künstler."

Karl Kraus dekretierte: "Girardi hat nichts vertreten; er war." In Leo Prerovskys Gedenkblatt hieß es, angesichts des vierten Kriegsjahrs 1918, nachdenklich: "Mit ihm ist der letzte Biedermeier gestorben. Nun hat der Krieg auch für Wien eine neue Zeit heraufgeführt . . . Die Menschenmassen, die sich auf dem Wege drängten, den sein Leichenzug nahm, ahnten, was diese Totenfeier bedeutete. Sie grüßten ergriffen eine sterbende Zeit. Armes neues Wien!"