Darin beschreibt er seine persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen während eines mehrmonatigen Aufenthalts in solch einem Turm auf einer nicht näher bezeichneten Mittelmeerinsel: Leidenschaftlich schildert er die zunehmende Intensität der Wahrnehmung, die unterschiedlichsten Winde und Geräusche des Meeres, das Neuerleben der Nacht und die Wiederentdeckung der Sterne, das sich verändernde Zeitgefühl, kurzum: die existenzielle Bedingtheit des Menschen: "Die Begegnung mit einem Leuchtturm hat etwas Wundersames. Man sucht ihn, man ruft ihn, man weiß, dass er einen erwartet, dann sieht man einen Schein, und erst nach einigen Minuten sieht man den Lichtpunkt mit seiner genauen Blinkfrequenz. Dann jubelt man und sagt sich: Ich habe dich gefunden! Es ist eine Art Komplizenschaft, eine tiefe Freundschaft.

Doch zurück nach Wien, wo sich die Welt des Maritimen nach der Großausstellung weiterhin im Stadtbild manifestierte. Man denke etwa an das monumentale, 1886 errichtete Tegetthoff-Denkmal am Praterstern, den 1895 eröffneten Themenpark "Venedig in Wien" oder die vielbesuchte
"Adria-Ausstellung" von 1913.

Leuchtturmdes Kaufhauses Gerngroß, Werbekarte, um 1930.
 - © Sammlung Peter Payer
Leuchtturmdes Kaufhauses Gerngroß, Werbekarte, um 1930.
- © Sammlung Peter Payer

Ein Leuchtturm in Betrieb sollte erst wieder in der Zwischenkriegszeit auftauchen - diesmal ausschließlich für Reklamezwecke und überaus spektakulär. Das Warenhaus Gerngroß, Wiens größtes Kaufhaus, brachte 1926 am Dach seines Eckgebäudes in der Mariahilfer Straße eine neue Lichtreklame an: ein turmartiges Metallgerüst, auf dem der Firmenname in vertikalen Großbuchstaben prangte sowie an der Spitze ein im Kreis rotierender Hochleistungs-Scheinwerfer - der jede Nacht einen "milchweißen Strahl" über die Dächer der Stadt sandte.

Reklame-Leuchtturm

Ein eindrucksvolles Firmenwahrzeichen war entstanden und ein besonderes Werbemittel, wie der Reklameexperte Justinian Frisch betonte, beweise doch, "daß es eine starke Propaganda ohne Worte gibt. Die Schöpfer dieser Idee wußten, daß jeder, der den hellen Streifen über den Nachthimmel gleiten sieht, denkt oder auch ausspricht: ‚Der Scheinwerfer vom Gerngroß‘. Es ist eine außerordentlich wirksame Form der Popularisierung eines Unternehmens."

Nicht nur für Gerngroß, für ganz Wien avancierte der scheinwerferbestückte Leuchtturm zum nächtlichen Wahrzeichen. Die zunehmende Elektrifizierung der Stadt hatte die Straßen und Plätze in ein neues Licht getaucht, die öffentliche Beleuchtung schritt rasant voran; immer mehr Leuchtreklamen zierten die Dächer und Fassaden der Gebäude. Wiens Nächte wurden in den 1930er Jahren deutlich heller, lichtmäßig vielfältiger und bunter. Der Leuchtturm thronte gleichsam als König über all den funkelnden Preziosen der Stadt.

Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs brachten diese wie auch andere Leuchtikonen zum Erlöschen. Es dauerte knapp fünfzig Jahre, bis sich der Leuchtturm-Gedanke erneut in der Stadt manifestierte. Welchen Kräften dies letztlich zuzuschreiben ist, darauf gibt Paolo Rumiz eine mögliche Antwort, hat er doch den Leuchtturm als "Kathedrale" erfahren, als herausragenden "Ort der Beschwörung". Vielleicht ist es genau diese Sehnsucht nach dem alten Leuchtturm, den das imperiale Wien einst in Triest verlor, die mit der Aufstellung eines neuen Turms auf der Donauinsel erfüllt wurde. Wien ist endlich wieder komplett geworden!