Ein Vorreiter für Veränderungen: Das Missionsseminar "St. Berthold" in Wels, auf einem ausgeschnittenen Erinnerungsfoto des Autors. - © privat
Ein Vorreiter für Veränderungen: Das Missionsseminar "St. Berthold" in Wels, auf einem ausgeschnittenen Erinnerungsfoto des Autors. - © privat

Wenn sich die Zeithistoriker und Medien heute mit der Chiffre "1968" beschäftigen, dann schreiben und reden sie über die "Uniferkelei" im NIG, die Anti-Borodajkewycz-Demonstrationen von 1965 oder die Aufbruchsstimmung der Kreisky-Zeit.

An den Rand gedrängt wird dabei, dass 1968 die katholische Welt mehr als jeden anderen Teil der österreichischen Gesellschaft veränderte. Das Leben in den Pfarren folgte nicht mehr der Tradition: Das Dogma, dass der Hirte in naturgegebener Ordnung seine Herde führt, wurde abgelöst vom Geist der Mitbestimmung und Mitbeteiligung. Das Zweite Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) begann und endete zwar schon erheblich früher als 1968, aber es war der Vorbote. Bis die Prinzi-pien des Konzils in den einzelnen Pfarren und bei den Gläubigen ankamen und sich dort auch durchsetzten, konnte dies dauern.

Der entscheidendste Faktor in der Transformation der Kirche war die sogenannte "sexuelle Revolution". Das rigide Sittenregime löste sich auf, die Kindererziehung drehte Richtung Laissez-faire, Magazine und Filme lockten mit Freizügigkeit, die Pille kam auf den Markt, mit sexueller Aufklärung ließen sich Massen mobilisieren, die neue Rock-Musik gab den Sound zu diesem Aufbruch.

Massive Gegenwehr

Die veränderte Haltung zur Sexualität veränderte auch die Gesellschaft - und wirbelte die katholische Welt durcheinander. Die päpstliche Enzyklika "Humanae vitae" versuchte dagegenzuhalten, ließ einzig die natürliche Empfängnisverhütung zu und verdammte die künstliche (Pille, Kondome) - und stieß auf massive Gegenwehr in der katholischen Lebenswelt. Auf dem Deutschen Katholikentag 1968 wurden ketzerisch Transparente gehisst: "Sich beugen und zeugen". Die alten Hierarchien und Regeln funktionierten nicht mehr.

Mit den alten Bastionen des katholischen Lebens kamen auch die kirchlichen Internate unter Beschuss, die wie Festungen aus der pädagogischen Geographie herausragten. Offiziell war ihre Zielsetzung ganz klar und wurde auch in aller Deutlichkeit in Internatsordnungen festgehalten: Katholische Internate hatten der Heranbildung von Priestern zu dienen. Die Realität gestaltete sich allerdings etwas anders, und zwar in fortschreitender Tendenz.

Nur mehr ein kleinerer Teil der Maturanten übersiedelte an die theologischen Fakultäten und Priesterseminare. Die Mehrheit der Absolventen verabschiedete sich zwar mit dem Ende der gymnasialen Ausbildung vom unmittelbaren Wirkungsbereich der Kirche, blieb aber dem Katholizismus treu, auch wenn sie später als Ärzte, Verwaltungsbeamte, Rechtsanwälte, Lehrer oder Angestellte arbeiteten.