"Keine Ahnung", gab ich zur Antwort, und dass die Suche zwecklos sei, weil doch keiner mit Sicherheit wisse, worauf sich ein Dichter im Text bezieht, etwas Reales oder ein Inbild, eine Erleuchtung, wenn man so will, eine erfundene Wahrheit womöglich, die in Wirklichkeit Dichtung bleibt und ohne weltlichen Schauplatz - anderenfalls wär auch der Engel zu suchen, der die Fackel da fallenließ, denn auch vom Engel ist die Rede in Ingeborg Bachmanns Erzählung.

Die Asche der Bäume

Also bot ich dem Suchenden an, ihm meine Geschichte zum Ort zu erzählen, wenngleich sie an einem Septembertag spielt [ich, von der Radetzkystraße kommend, am Stadttheater vorbeigehend, das dreijährige Kind an der Hand, das siebenwöchige Kind auf dem Arm, das Handyläuten dann und die Mutter, aufgeregt, weil ein Flugzeug, nein, vielleicht zwei, nichts Genaues, oder mehr, New York, ja, dort, und irgendwo, im Fernsehen, wie heißen die Türme?, ja, Sondersendung, eingestürzt, zuerst geglaubt ein schlechter Film . . .], doch der Besucher winkte ab, es gehe ihm nur um die fraglichen Bäume, und ich gab sogleich zu bedenken, dass die Bäume abgebrannt sind, vom Engel selbst in Brand gesteckt, abgefackelt im wörtlichen Sinn, also fände man allenfalls Asche, wenn sie der Wind nicht fortgeweht hat, eines aber fände man sicher: einen bizarren Bronzekopf, der im Traume zu mir spricht: Wenn das deine Mutter wüsste . . .

Da zeigte der Mann mir den Vogel und ging.

Und die Pressefrau fragte nervös: "Ist das wahr, was Sie sagen?" Und ich: "Beinah so wahr wie Sie!"

Dann erzählte ich weiter: Jedes Jahr sieht man in der Klagenfurter Fußgängerzone neue Transparente und Liegestühle mit Ingeborg-Bachmann-Zitaten. "Alles ist eine Frage der Sprache", las ich zuletzt, weiße Schrift auf Dunkelblau, und dachte dabei an Florjan Lipu, der am 1. Oktober 2018 zu- recht mit dem Großen Österreichischen Staatspreis für Literatur ausgezeichnet wurde, obwohl er als Kärntner Slowene ausschließlich auf Slowenisch schreibt, was den vorschlagsbefugten Österreichischen Kunstsenat noch vor zwei Jahren dazu veranlasst hat, ihn, den großen österreichischen Schriftsteller, als möglichen Preisträger abblitzen zu lassen, getreu dem Leitsatz "Der Kärntner schreibt Deutsch!"

Die Wahl der Sprache

Ich erinnerte mich daran, wie sich manche schon zum Gegenschluss verstiegen, dass er den Preis nun doch nur erhalte, weil er auf Slowenisch schreibt, und dachte an Maja Haderlap, der mancher es verleiden wollte, als Kärntner Slowenin auf Deutsch zu schreiben, und dachte, dass die Wahl einer Nationalsprache in der Kunst niemals Kriterium sein darf, dass aber die Wahl der Sprache als literarisches Ausdrucksmittel das Kriterium sein muss, und dachte auch an meine eigene Geschichte, daran, wie mir das Deutsche, die Sprache meiner Alphabetisierung und Sprachzüchtigung, zur Geheimhaltung diente, und daran, wie schutzlos die Mutter war mit ihrem gebrochenen Deutsch und wie angreifbar ich selbst war mit meinem in Kärnten ganz und gar ausgefallenen Nachderschrift, auf dem der Vater aber bestand.