Ich dachte an eine Art Fremdsein, die mir immer geläufig war, soweit die Erinnerung reicht. Und an die langen Briefe, die ich als Kind an die Eltern schrieb und später nur an Unbekannt, an ein liebes Tagebuch, weil mir in Jugoslawien, wo ich die Sommer bei den Großeltern mütterlicherseits verbrachte, das Sprechen der dort unter Generalverdacht stehenden Vatersprache versagt und verunmöglicht war. Und hier?

Mutters Sprache verriet uns, auch wenn sie sie gar nicht sprach, denn unüberhörbar der Bruch ihrer Rede, wenn sie das Deutsche ungeachtet seiner Härte, selbst im Heitersten noch Ernst!, mit der Leidenschaft der dalmatinischen Inselmenschen belud: Ein Wetterleuchten, wenn sie schimpfte, ein Wort- und Bildersturm, wenn sie sich kränkte oder ins Schwärmen geriet. In ihrer Muttersprache war sie eine andere, ihre Gebärden und Mienen schmiegten sich ans Wort, und ihre Stimme wiegte sich darin, als sei ihr die Fülle des Daseins nur in dieser Sprache zugänglich, als sei sie ganz und gar nach ihr gestimmt.

Der Wechsel zwischen den Sprachen war mehr als der Wechsel des Zungenschlags, war ein neues Lied, das man anstimmte, um den Gesetzen eines anderen Denkens und Fühlens zu folgen. Bald fiel mir die Vatersprache leichter, doch hielt sie mich nicht geborgen wie die Muttersprache, in der ich fühlte und fluchte und sang, wenngleich mich mein österreichisches R gleich als Fremde entlarvte. "Wirklich?", rief die Pressefrau aus.

"Also wirklich!", entgegnete ich.

Dass man gar nicht anderswo geboren oder zeitweise woanders aufgewachsen sein oder eine jugoslawische Mutter haben und selbst umso "schöner" sprechen musste, um in Kärnten auf Glatteis zu gehen, ahnte ich lange nicht.

Von einer Minderheit hörte ich erst, als im Schulunterricht von der Kärntner Volksabstimmung am 10. Oktober 1920 die Rede war. Dass manche Schulkameraden Slowenisch sprachen, im stillen Kämmerlein und in den eigenen Wirtshausstuben, blieb verborgen. Dass ihre Sprache rechtmäßig ist, hat man uns nicht gesagt. Dass sie gleichwürdig ist, gilt manchem bis heute nicht. Selbst das Schweigen ist wesenhaft eine Frage der Sprache - und der junge Mensch lernt es schnell und staut es in seiner Wut.

Stehen wir Schriftsteller nicht in der Pflicht, das Privileg der Öffentlichkeit zu nutzen, gegen ein Unrecht aufzubegehren? Wo wären wir ohne Stefan Zweig, Alfred Polgar, Josef Roth, Ilse Aichinger, Elfriede Jelinek und viele, viele andere, deren Haltung für das österreichische Geistesleben so lebenswichtig war und ist? Und stehen wir nicht auch in der Pflicht, wachsam auf uns selbst zu sein, das Privileg nicht zu missbrauchen?

Die Freiheit der Kunst steht denen zu, die der Kunst gerecht werden - nicht denen, die sie zersetzen. Und wenn wir von Freiheit reden: Wer sich den Regeln der Absetz- und Konsumierbarkeit unterwirft, kann kein freier Schriftsteller sein, wird nur den Konsumismus befeuern, der den sprachlichen Tiefflug in Kauf nimmt, den Leser um ästhetische Erfahrungen bringt. Finden nicht politische Verlotterung, Realitätsverlust und Abstumpfung ihre literarische Parallelität in der ironischen Distanz zum Erzählten, im ewig Launigen, das heute von vielen bevorzugt wird?