Der Märchen-Kapitän

Dann sagte ich zur Pressefrau: Auch Kritiker stehen in der Pflicht. Sie sind die Schleusenwärter, die das Schicksal eines Werks und damit des Autors bestimmen, indem sie den Blick einer breiten Öffentlichkeit lenken und literarische Tendenzen fördern.

Beim Wort Schicksal fiel mir ein: Als Dreißigjähriger schrieb Goethe in sein Tagesbuch: "Das Leben ist so geknüpft und die Schicksale so unvermeidlich. Wundersam! Ich habe so manches getan (ich möchte sagen: erlitten), was ich jetzt nicht möchte getan (erlitten) haben, und doch, wenn’s nicht geschehen wäre, würde unentbehrliches Gute nicht entstanden sein. Es ist, als ob ein Genius oft unser Hegemonikon verdunkelte, damit wir zu unsrem und andrer Vorteil Fehler machen."

Nach der Verabschiedung des Freunds, der sich während meiner Afrikareise im Winter 1990 mit einer Überdosis aus seinem Kinderzimmer in die Ewigkeit gebeamt hatte, auf der zehn- oder zwölfminütigen Autofahrt vom Friedhof Annabichl in die Innenstadt von Klagenfurt, legte der am Steuer sitzende Vater eine Doppelconférencen-Kassette ein, wohl weil er keine Worte hatte, uns siebzehnjährige Mädchen aufzuhellen, die wir knieweich und rot- äugig auf der Rückbank saßen, betäubt vom gebetsmühlenartig wiederholten Satz "Der Mensch ist Gast auf dieser Erde" und vom Anblick des Sargs aus rohem Fichtenholz, in dem - wer wollte es wahrhaben? - der Adressat jenes Liebesbriefes lag, den ich in Theben aufgegeben hatte und der noch irgendwo auf halbem Weg sein musste zwischen Afrika und der Klagenfurter Stadtrandsiedlung. Ich erinnere mich genau, wie Karl Farkas an einer Stelle "Schrecklich!" ausrief, und Ernst Waldbrunn daraufhin: "Schrecklich ist was anderes, Karl, schrecklich ist was anderes! Schrecklich ist, wenn du auf hoher See bist, in jeder Hand einen Koffer - und kein Schiff unter den Füßen." (Lachen).

Medizinstudium als vermeintlicher Schutzwall gegen die verheimlichte Schreibkrankheit: "Ich war auf dem falschen Dampfer." - © Archiv
Medizinstudium als vermeintlicher Schutzwall gegen die verheimlichte Schreibkrankheit: "Ich war auf dem falschen Dampfer." - © Archiv

Eine meiner liebsten Kindheitsgeschichten war die vom Kapitän, der an Bord seines sinkenden Schiffes bleibt und stolz und wortlos mit ihm untergeht. "Es ist wirklich wahr", sagte die dalmatinische Großmutter, "Wirklich wahr: So steht er auf seiner Kommandobrücke" - und dabei stellte sie sich jedes Mal sehr aufrecht vor mich hin, das Kinn hoch, die gestreckten Finger der rechten Hand an der Schläfe, den Blick ins Weite gerichtet, während ich mir vorstellte, wie dem Heroj das Meer zuerst die Leinenschuhe benetzte, wie es binnen kurzem seine Hosenbeine umspülte, ihm wenig später bis zur Hüfte und kurz darauf bis zum Hals stand, sich alsbald mit dem salzigen Wasser seiner Augen mengte, ihm die Stirn bedeckte und sich endlich als letzte Welle über seinem Scheitel schloss. Ich wäre damals selbst gern ein bisschen heldenhaft gewesen, jedenfalls nicht zu denen gehörig, die ein sinkendes Schiff zuerst verlassen: Kinder, Frauen, Feiglinge und Ratten.