Allein: Ich war auf dem falschen Dampfer.

"Wirklich?", fragte die Pressefrau. "Ziemlich wirklich", gab ich zurück.

Die Einsicht mit dem falschen Dampfer hatte ich, als ich Chris- tian Ide Hintze, damals Direktor der Wiener Schule für Dichtung, im Café Ritter zu einem Interview traf - und zwar in dem Moment, da ich meine Kaffeetasse zum Mund führte, damit mir das Wort Spinner nicht über die Lippen komme.

Das Wort hatte sich mir in den Kopf gesetzt, als Christian Ide Hintze mir von seiner winzigen Bassenawohnung mit Klo am Gang erzählte, war mir beim Nicken wasserwaagenluftblasenartig unter der Schädeldecke herumgerutscht und hatte sich mir auf die Zunge gelegt, wo es merklich zu werden drohte - Spinner!, Spinner!, Spinner! -, womöglich so laut, dass die Kaffeehausgäste mein Gegenüber in Schutz genommen hätten, ahnungslos, dass ich nicht Hintze meinte, sondern mich, das eigene Schreiben wie eine peinliche Krankheit verheimlichend, ein Écrivain fantôme, sicherheitshalber an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien als ordentliche Studentin eingeschrieben.

Musikpoeten als Vorbild

Ich nahm noch einen Schluck Kaffee, sah Christian Ide tief in die Augen und hoffte inständig, er möge meinen falschen Dampfer entern und mich in die verwegene Welt der Klo-am-Gang-Existenzen entführen. Tatsächlich lud er mich freundlich ein, in der Schule für Dichtung vorbeizuschauen, doch bezweifelte ich gleich, dass ich mir dort, wie er sagte, die Schädeldecke aufklappen ließe, um nachzusehen, was drinnen ist, denn je mehr ich über die Heilkunst erfahren hatte, desto vielfältiger waren die Leiden geworden, von denen ich mich befallen glaubte.

Längst war ich der Vorstellung erlegen, nahestehende Personen seien hinter meinen Tagebüchern und Aufzeichnungen her, um da-rin Enthaltenes als Krankheitszeichen oder als Zeichen meiner Fremd- und Verderbtheit zu deuten. Da blieb nichts anderes übrig, als jedes Mal kurz vor Fertigstellung eines Manuskripts Zündhölzer bereitzuhalten, um zum einzig wahrhaftigen Ende zu gelangen und der Entdeckung zu entgehen.

"Hatten Sie literarische Vorbilder?", fragte die Pressefrau. "Nur die großen Musikpoeten", schoss es mir durch den Kopf, "Die aber angebetet, Cave und Cohen und Heller . . .". Die Musik war die Trägersubstanz für alles, was das Wort allein nicht hielt. Ohne sie ging mir kein Satz unter die Haut. Vielleicht ist die Musik heute noch die einzige Sprache, der ich über den Weg traue.

Klingendes Schweigen

Damals zwang ich mich zur Einsicht, dass ich, da ein falscher Dampfer niemals unterginge, zwar nicht das Schicksal des Heroj aus der großmütterlichen Erzählung teilen, aber früher oder später wenigstens wie der Steuermann aus Walter Whitmans "O Captain! My Captain!" tot an Deck liegend und vielleicht von zwei, drei schönen Matrosen beweint in meinen Hafen heimkehren würde. Die Schule für Dichtung jedenfalls besuchte ich nicht ein einziges Mal.

"Und heute?", fragte die Pressefrau. Ich beherrsche die Sprache nicht, es reicht, dass sie mich beherrscht. Die tote Bildhaftigkeit der gebräuchlichen Begriffe bleibt mir unheimlich. Ich fürchte mich so vor der Menschen Wort, um es mit Rilke zu sagen. Ich schreibe, weil ich nicht reden kann, weil sich’s dabei schweigen lässt und trotzdem etwas anklingt. Und jedes Mal die Wut über den Verlust des Wunderbaren, das um das Unausgesprochene ist.

Nach dem Schreiben kommt immer ein Verstummen.