Temperamentvolles Spiel, maßloses Leben: Harry Walden. - © Bentz
Temperamentvolles Spiel, maßloses Leben: Harry Walden. - © Bentz

"Von feinnerviger Hand sind hier einzelne Momentbilder und kurze Wegstrecken aus dem Leidensweg des unglücklichen Künstlers gezeichnet, die uns mit Trauer und Erbitterung erfüllen über die vom kotigen Alltag beschmutzte Tragik dieses modernen Künstlerschicksals."

Diese "herzergreifenden" Zeilen auf der Buchbinde bewarben 1921 ein kleines, im Wiener Verlag C. Barth erschienenes Bändchen. Sein Titel: "Harry Walden - Ein Künstlerleben". Der Autor, Hans Hoff, erzählt darin episodenhaft mit ans Gemüt gehenden Worten die letzten Jahre und die private Katastrophe des einst in Wien und Berlin gefeierten Schauspielers Harry Walden (1875-1921). Der Mime, der in der Rolle des jugendlichen Liebhabers an den führenden Berliner und Wiener Theatern die Frauenherzen eroberte und als Bonvivant und Gesellschaftslöwe die Klatschspalten der Zeitungen füllte, war in der Zeit von der Jahrhundertwende bis zum Beginn der 1920er Jahre einer der beliebtesten Bühnendarsteller. Heute sind er, seine vom Publikum bejubelten Bühnenauftritte und sein tragisches Ende weitgehend vergessen.

Lehrjahr in der Provinz

Unter dem Namen Harry Schreier in Berlin als Sohn eines Bankdirektors geboren, musste der junge Mann zunächst dem Willen der Eltern folgen und den väterlichen Beruf ergreifen. Seine eigentliche Liebe aber galt der Bühne. Mit 18 Jahren ging er nach New York. Er begann als Laufbursche, arbeitete sich hoch und kehrte nach zwei Jahren als Selfmademan mit ansehnlichem Vermögen nach Deutschland zurück, um seinen Militärdienst abzuleisten. Danach konnte er es bei seinen Eltern endlich durchsetzen, Schauspieler zu werden. Den Vornamen des Vaters - Waldemar - abwandelnd, wählte er Harry Walden zum Künstlernamen.

Seine Lehrer wurden der Berliner Hofschauspieler Richard Kahle und Jan Edgar, der nach seiner Schauspielerlaufbahn in Berlin und Wien Redakteur der "Bühnengenossenschaftszeitung" geworden war. 1898 hatte Walden im renommierten Berliner Residenztheater seinen ersten beachteten Bühnenauftritt. Unter der Regie von Josef Jarno, der später das Theater in der Josefstadt leiten sollte, spielte er den "Gerhart" in dessen Stück "Momentaufnahmen". Der junge Schauspieler erntete anerkennende Kritiken und Jarno wollte ihn an sein Haus binden. Doch Walden lehnte ab und zog ein "Lehrjahr" an einem Stadttheater in der Provinz vor. Zu Gastspielen kehrte er in die deutsche Hauptstadt zurück.

In der Rolle des "Don Karlos" in Schillers gleichnamigem Stück, die zu einer seiner Glanzpartien werden sollte, erregte er die Aufmerksamkeit des Publikums und bekam begeisterte Kritiken. Der gerade als neuer Leiter des Berliner Theaters an die Spree gekommene Autor und Kritiker Paul Lindau nahm sich des jungen Schauspielers an, sodass Walden im September 1900 als Franz im "Götz von Berlichingen" und als "Prinz von Homburg" seinen endgültigen Durchbruch schaffen konnte.