"Monsieur Crescendo" Gioachino Rossini. - © ullstein bild/Heritage Images
"Monsieur Crescendo" Gioachino Rossini. - © ullstein bild/Heritage Images

"Zu einer Oper, Ciro in Babilonia, hatte ich eine schauderhafte Secunda-Donna. Sie war nicht allein über die Erlaubniß häßlich, auch ihre Stimme war unter aller Würde. Nach der sorgfältigsten Prüfung fand ich, dass sie einen einzigen Ton besaß, das B der eingestrichenen Octave, welcher nicht übel klang. Ich schrieb ihr daher eine Arie, in welcher sie keinen anderen, als diesen Ton, zu singen hatte, legte Alles ins Orchester und da das Stück gefiel und applaudirt wurde, so war meine e i n t ö n i g e Sängerin überglücklich über ihren Triumph."

Diesen Satz sprach Gioachino Rossini, wenn man der Quelle Glauben schenken darf, im Jahr 1855 in Trouville in der Normandie während einer Unterhaltung mit dem Komponisten Ferdinand Hiller. Der 20-jährige aufstrebende Rossini hatte diese Arie, "Chi disprezza gli infelici", tatsächlich für die Ferrareser Sängerin Anna Savinelli geschrieben und mit der unkonventionellen Melodieführung nicht nur der stimmschwachen Dame und sich selbst eine Art Denkmal gesetzt, sondern unbeabsichtigt auch eine Traditionslinie begründet, die in gewisser Weise über Peter Cornelius’ "Ein Ton op. 3/3" bis hin zu bestimmten Kompositionstechniken innerhalb der musikalischen Avantgarde nach 1945 führt.

Musikalischer Haushalt

Unkonventionelles begleitet das Leben des an einem Schalttag, dem 29. Februar 1792, in Pesaro geboren Gioachino von Beginn an. Einer Überlieferung zufolge hielt sich Vater Giuseppe Rossini während der Niederkunft seiner Gattin Anna im Nebenzimmer auf. Bei jedem Schmerzensschrei hätte er jeweils eine der in diesem Raum befindlichen Gipsstatuen zertrümmert. Als die Reihe an den heiligen Jakob, den Vater Marias, kam, hätte er jedoch den Schrei des Neugeborenen vernommen und in seiner Zerstörungswut innegehalten: Das Kind wurde zunächst auf den Namen Giovachino getauft, wobei das "V" bald abhanden kam.

Den musikalischen Haushalt prägten beide Elternteile: Der Vater war als Trompeter und Hornist, die Mutter als eine über den Regionalbereich hinaus bekannte Sängerin tätig. Die Praxis überrollte Gioachino schon in relativ jungen Jahren: Bei einem Auftritt seiner Mutter konnte der Zehnjährige zum ersten Mal die Gnadenlosigkeit des Publikums erleben: Anna Rossini war 1802 nach Triest eingeladen worden, um am Teatro Nuovo, dem heutigen Teatro Giuseppe Verdi, die Titelpartie in Giovanni Battista Borghis "La morte di Semiramide" zu singen - ein Stoff, dem sich ihr Sohn zwanzig Jahre später ebenfalls widmen sollte.