Japan-Besucher machen zumeist die Erfahrung von freundlichen oder zumindest höflichen Menschen, mit denen man sich nicht eingehender unterhalten kann, weil sie kaum Englisch sprechen. Dabei ist Englisch in den Schulen ein Pflichtfach, die meisten Schüler werden ab dem Alter von sieben, acht Jahren mit der Fremdsprache konfrontiert, am Test of English for International Communication nehmen jährlich zwischen zwei und drei Millionen Japaner - nicht alle ganz freiwillig - teil. Das Erziehungsministerium hat längst die Parole der Globalisierung ausgegeben. Das scheint aber alles nichts zu nützen. Warum?

Aus der Zeit, als ich mich bemühte, systematisch Japanisch zu lernen, kenne ich japanische Lehrer in Privatschulen ebenso wie an Universitäten. So gut wie überall war der Unterricht schematisch, wenig Raum für Spontaneität. Ich erinnere mich an eine Lehrerin, die nichts anderes tat, als eine Tonmaschine zu bedienen, von der aufgenommenes Sprachmaterial kam, und an einen anderen, lustigen Lehrer, der vorzeiten in Griechenland Austauschstudent gewesen war und etwas von dortiger Lebensfreude mitgenommen hatte. Er sprach oft von seiner Auslandserfahrung, doch der Satz, an den ich mich am deutlichsten erinnere, war: "Nihonjin ha hanashi ga heta desu." Nicht leicht zu übersetzen, wie so oft die einfachen japanischen Adjektive: "Japaner können nicht gut kommunizieren", so ungefähr.

Absentismus

An derselben Universität begegnete ich einmal einem deutschen Japanologie-Studenten, der seine Masterarbeit über Absentismus an japanischen Schulen schrieb. Durch ihn wurde ich auf dieses Thema aufmerksam, auf bekannte Tatsachen, die man nicht gern an die große Glocke hängt, zum Beispiel, dass gegenwärtig rund 130.000 Schüler von der ersten bis zur neunten Schulstufe mehr als 30 Tage dem Unterricht fernbleiben - viele noch viel länger, und nicht wenige gehen überhaupt nicht zur Schule. Einer pro Klasse, der Statistik zufolge. Auch in der Grundschule meiner Tochter gibt es so einen Fall, einen Schüler, der von einem Tag auf den anderen verschwunden war und nicht wiederkam - und nicht etwa, weil er mit der Familie an einen anderen Ort gezogen wäre.

In europäischen Massenmedien ist die Figur des Hikikomori seit einigen Jahren ein beliebtes Thema. Schriftsteller haben Bücher darüber geschrieben, zum Beispiel, sehr feinfühlig, Milena Michiko Flašar ("Ich nannte ihn Krawatte"). Diese Figur ist allerdings nur die Spitze eines Eisbergs, der Absentismus heißt: Rückzug aus gesellschaftlichen Strukturen mit ihren pausenlosen Anforderungen, die vom Individuum als unerträglich empfunden werden.