Das Warming-Up

"Und nun vertraut euren Händen und dem Prozess", gibt Michel das Startsignal. In den kommenden drei Minuten gehe es einzig darum, in den Flow zu kommen. Und tatsächlich, ich kann gar nicht anders als zu bauen - und dabei nicht nachzudenken. In null Komma nichts stehen fünf Türme auf dem Tisch, keiner gleicht dem anderen. Erst nach dem Aufsetzen des letzten Steins darf über die Konstruktionen gesprochen werden. "Clarify what you see" ("Erläutert, was ihr seht", Anm.), nennt sich das in Lego-Serious-Play-Sprech. Ich schaue auf meinen Turm. Stabil ist er geworden (das habe ich mir also von Venedig gemerkt: Baue nie zu fili-gran, sonst stürzt noch einer ein), daher vielleicht nicht ganz so anmutig (und schon gar nicht so hoch) wie die Türme meiner Kollegen. Eher ein Bollwerk. Schade (bin ich zu unambitioniert?). Aber auch sympathisch, weil in der mittleren Etage mit einem Balkönchen für zwei Männchen ausgestattet.

"Der Turm ist nur die Warm-Up-Übung", erklärt Michel. Einige Stunden später haben wir den "schlimmsten Chef", "das, was uns bei der Arbeit Energie gibt" und eine "Zukunftsvision" gebaut. Fast alles sehr unterschiedlich - bis auf den Chef: Sechs Totenköpfe mit Goldkrönchen auf hohen Statuen starren sich hier gegenseitig an. In unseren Befürchtungen sind wir uns also alle ähnlich. Dass Lego übrigens ganz leicht über Ängste, depressive Zustände und andere psychische Verstimmungen hinweghelfen kann, habe ich inzwischen auch herausgefunden.

These 2:Lego aktiviert Selbstheilungskräfte.

Zumindest zwei Menschen in meinem Umfeld wurden nachweislich durch Lego von ihren Leiden kuriert. Einmal abgesehen von meinem Sohn, der ohne die bunten Steine vielleicht im kindlichen Bore-out gelandet wäre, sind das die Kulturjournalistin, Autorin, Künstlerin und Lektorin Andrea Maria Dusl und der "Outsider Art"-Künstler Manfred Muer.

Als die heute 57-jährige Wienerin Andrea Maria Dusl mit Anfang 20 in eine akute depressive Krise schlitterte, erfuhr sie zufällig, dass sich der Schweizer Psychoanalytiker C. G. Jung durch den Bau eines fünf Meter hohen Turms in seinem Garten am Züricher See von seiner Depression geheilt hätte. Zeitgleich wurde Dusl Zeugin eines spannenden Kunstprojektes an der Wiener Hochschule für Angewandte Kunst. Der damalige Architektur-Professor Wilhelm Holzbauer leitete seine Studenten dazu an, Modelle aus schwarzen und weißen Lego-Steinen zu bauen. Dusl, die die anschließende Ausstellung besuchte, ließ sich vom Lego-Baurausch anstecken.