Was mit einigen Billa-Sackerln begann, nahm rasch überdimensionale Ausmaße an. "Da Weiß in einer Depression gar nicht geht, begann ich zusätzlich zu den schwarzen Lego-Steinen überall in Wien blaue aufzukaufen", sagt Dusl. Frei nach C. G. Jung begann sie einen gotischen Lego-Turm in ihrer Wohnung zu errichten, der, abgesehen von einem Einsturz, bis heute steht und drei Übersiedlungen überlebt hat. "Der Turmbau war offenbar eine Art Gestalttherapie für mich", sagt Dusl - und fügt hinzu: "Patienten meines damaligen Depressionsvermögens wären im Krankenhaus gesessen und hätten Aschenbecher aus Ton geformt, Topflappen gehäkelt oder Uhus gemalt. Ich baute ein Dreivierteljahr an dem Turm, danach war ich gesund." Das Bauen sei beruhigend gewesen und hätte ihr Struktur gegeben.

Langzeit-Therapie

Wieder gesundet, kaufte sie weiterhin Lego-Steine auf Flohmärkten - für alle Fälle. Noch heute besitzt Dusl zehn Industriekisten voll perfekt aufgeräumtem Lego. Geordnet nach Farben und innerhalb der Farben nach Formen, Größen und Sondersteinen. Auf die Frage, ob ich mit meinem Sohn einmal vorbeikommen könne (es wäre das Paradies für ihn), reagiert sie fast schockiert: Hier würde es nicht um Spaß gehen, sondern um Leid! Irgendwie klar - wer fragte einen Ex-Depressiven, ob man gemeinsam seine Medikamentenvorräte aufbrauchen könnte - zum Spaß!?

Lego - das ist und bleibt im Duslschen Universum eine Medizin, die man lieber vermeidet.

Während es sich bei der Lego-Selbsttherapie im Falle von Dusl um eine vorübergehende Medika- tion handelte, gleicht die Verwendung von Lego bei Manfred Muer dem eines Depot-Medikaments, in anderen Worten einer Art "Langzeitbehandlung". Der 1982 in Wien geborene Künstler ist seit wenigen Jahren fix im von der Caritas betriebenen "Atelier 10" in Favoriten tätig. Dort sowie in seinem Zimmer in einer Wohngemeinschaft der Caritas Wien baut er an seinen raumfüllenden Mini-Architekturen und Installationen. Zwischen Holz, Papier und Kunststoff tummeln sich zahlreiche Lego- und Playmobilmännchen.

These 3: Lego vernetzt - die Fans und die Firma

Einen größeren Fauxpas hätte ich gar nicht machen können, als ich letztes Jahr im Rahmen einer Ausstellung der "LEGO Gemeinschaft Österreich" in Schloss Neugebäude, dem einzigen Renaissanceschloss Wiens, fragte, ob mein Sohn dem Verein beitreten könne. Natürlich nicht! Denn wie soll ein Sechsjähriger es bitte schaffen, mit den Modellen, die die Community regelmäßig (drei bis vier Mal pro Jahr) auf diversen Ausstellungen präsentiert, mitzuhalten?

Kein Kinder-Spiel!

Als ich mich in den dunklen Gewölben des Schlosses vorbei an den beleuchteten und bewegten Lego-Landschaften bewege, wird mir rasch klar, warum Kinder nichts in einem Lego-Verein zu suchen haben. Hier handelt es sich um echte Profis, Menschen, die ihr Hobby mindestens so ernst nehmen wie ihren Beruf. (Für die Kinder gibt es am Ende der

Riesenrad und Rotlicht- Etablissement: Im Lego-versum geht, wie im Leben, alles zusammen. - © Weidinger
Riesenrad und Rotlicht- Etablissement: Im Lego-versum geht, wie im Leben, alles zusammen. - © Weidinger

Ausstellung einen Wühlberg zum Bauen.) Ich treffe Doris Feichtl, eine brünette Frau mittleren Alters, die mir gerne etwas mehr über den Verein erzählt. 2006 hätten rund zehn Personen "LGOe" (LEGO Gemeinschaft Österreich) gegründet, um sich regelmäßig auszutauschen. Daraus sind mittlerweile über 70 geworden.

Da ist zum Beispiel Dieter Wirth, der mir freudig seine Hand über die tutende Lego-Eisenbahn hinweg entgegenstreckt. Dieter ist der einzige Deutsche im österreichischen Steine-Fanclub. Stolz zeigt er seinen originalgetreu nachgebauten Augsburger Bahnhof her, ein Riesenrad und ja - auch das Puff mit seinen beleuchteten Fenstern. Passend zum opulent eingesetzten roten Licht ist Wirths Schwerpunkt "Lego und LED". Kinder können auf einem Schaltbrett die Scheinwerfer und die Discokugel einer Mini-Lego-Bühne zum Leuchten bringen.