Erfolgsmodell Zillertaler Nationalsänger

Über den Zillertaler Orgelbauer Carl Mauracher kam "Stille Nacht" 1819 nach Tirol und ging auf Wanderschaft mit Bauernfamilien, die sich auf deutschen Weihnachtsmärkten mit dem Verkauf von Krämerwaren ein Zubrot verdienten. Die Geschwister Strasser und die Rainer-Sänger lockten mit Gesang Kundschaft an ihre Stände, doch bald schon erwies sich "Stille Nacht" als ihr wichtigstes Kapital. Das Lied öffnete ihnen die Türen zu Konzertsälen und Fürstenhöfen. Das rief Nachahmer auf den Plan – und ab den 1830er Jahren zogen ganze Scharen von "Nationalsängern" oder "Natursängern" vom Zillertal in die Welt hinaus. Die Zillertaler gehörten zu den ersten, die mit professionell aufgezogenen Konzerttourneen reüssierten.

Ludwig Rainer – Ein Popstar seiner Zeit

Eine Schlüsselfigur war Ludwig Rainer (1821–1893), der ab 1839 mit der "Rainer Family" vier Jahre durch Nordamerika und später zehn Jahre durch Russland tingelte. "Rainer war ein richtiger Popstar seiner Zeit. Er war mit bis zu 14 Personen unterwegs und führte im Stil einer Musicalrevue auf, was das ganze Jahr über im Tal passierte", erzählt Günther Klaus vom Heimatmuseum im Tiroler Fügen. Auftritte bei den Weltausstellungen in Paris (1855) und Wien (1873) sind dokumentiert, dem Zaren brachte Rainer Jodler, Tiroler Weisen und "Stille Nacht" ebenso zu Gehör wie Queen Victoria. "Ausgelitten. Ausgerungen. Viel gereist und viel gesungen", steht auf seinem Grabstein im Tiroler Achenkirch.

Von Hawaii bis Südkorea: Stille Nacht exotisch

Das Fügener Heimatmuseum beherbergt mit der größten bekannten Stille-Nacht-Schallplattensammlung noch einen weiteren Schatz. Viele der über 1000 Tonträger sind digitalisiert und per QR-Code abrufbar. Ein faszinierendes Musik-Universum tut sich auf – von Hörbeispielen aus Südkorea über Schwarzafrika und Tunesien reicht die Bandbreite der "exotischen" Cover-Versionen bis zur hawaiianischen "Stillen Nacht". Von den Großen des Business haben unter anderem Bing Crosby, Elvis Presley, Jimi Hendrix, Johnny Cash, Ella Fitzgerald und Tori Amos dem Song ihre Stimme geliehen.

Von der Wiege bis zur Bahre

Katholische und protestantische Missionare trugen ebenfalls eifrig zur Verbreitung bei. Mittlerweile haben die Stille-Nacht-Forscher Übersetzungen in über 300 Sprachen ausfindig gemacht – darunter auch auf Lateinisch und Klingonisch. Von Fidschi bis Lappland, von Gabun bis Japan stimmen Abermillionen Menschen das Lied zu Heiligabend an. Und mancherorts entwickelte "Stille Nacht" auch ein Leben außerhalb des Weihnachtskontextes. In China wiegt die Melodie im Siciliano-Rhythmus Kinder in den Schlaf. In Grönland kommt sie mitunter bei Begräbnissen zum Einsatz: "Stille Nacht" von der Wiege bis zur Bahre.