Die Gewerkschaften und die Wirtschaftskammer einigen sich daraufhin auf eine stufenweise Senkung der Wochenarbeitszeit. Oppositionsführer Bruno Kreisky treibt sein Reformprogramm "Für ein modernes Österreich - eine Kampagne der 1400 Experten" voran und legt die Grundlinien der Wirtschafts-, Sozial-, Rechts- und Bildungspolitik fest, die ihm schließlich die Kanzlerschaft einbringen.

Manche Jahre sind spannender als andere. Oder zumindest merkwürdiger. 1969 ist so ein Jahr. Aufregend und merkwürdig zugleich. Es steht zwar im Schatten von 1968, das ein Mythos der globalen Hippie-Bewegung geworden ist. Doch 1969 war ein Jahr, das viele nachhaltige Veränderungen gebracht hat.

So entwickelte der US-Thinktank "Intel" für die japanische Firma "Busicom" den ersten Mikrochip (Intel 4004), was die Welt weitaus mehr revolutionierte als der 9. Parteitag unter dem Vorsitz von Mao Zedong im April 1969, bei dem die "Große Proletarische Kulturrevolution" für beendet erklärt wurde. Auch die Vernetzung des militärischen "Arpanet" mit Großrechnern in Forschungseinrichtungen und Universitäten begann 1969 und wird heute als der Beginn des Internets gesehen.

Manche Ereignisse von damals haben in der Folge auch Einflüsse auf den Verlauf meines Lebens genommen. An ein paar Geschehnisse beziehungsweise an die Bilder davon erinnere ich mich auch heute noch sehr gut, weil ich als Elfjähriger mit meinen Eltern hin und wieder untertags ins Ohne-Pause-Kino auf dem Wiener Graben Nr. 29 oder ins Nonstop-Kino auf der Mariahilferstraße Nr. 2 gegangen bin. Das sind Kinos ohne fixe Beginnzeiten gewesen, in denen von in der Früh bis zum Abend ein rund einstündiges Programm ohne Altersbeschränkungen und Unterbrechungen gezeigt worden ist. Man hat so lange zugeschaut, bis die Bilder wiedergekommen sind, die man beim Betreten des Kinosaals auf der Leinwand gesehen hat. Und dort habe ich nicht nur Tierdokumentationen und Zeichentrickfilme mit Donald Duck oder Tom und Jerry gesehen, sondern auch die aktuellen Schwarz-Weiß-Berichte der "Austria Wochenschau".

Danke, Jane Birkin!

1969 beträgt die Gesamtzahl der Weltbevölkerung 3,62 Milliarden Menschen (1,82 Mrd. Männer und 1,80 Mrd. Frauen). In Hollywood werden die begehrten Oscars vergeben - an den Film "Oliver" und seinen Regisseur Carol Reed, an Cliff Robertson für seine Darstellung in "Charly" und an Katharine Hepburn für ihr Spiel in "Der Löwe im Winter". Über einen Oscar für das beste Drehbuch kann sich Mel Brooks ("Frühling für Hitler") freuen.

Ihr Hit "Je t’aime . . . moi non plus" sorgte 1969 für wummernde Herzen und trockene Gaumen: Jane Birkin & Serge Gainsbourg. - © Hulton-Deutsch/Getty
Ihr Hit "Je t’aime . . . moi non plus" sorgte 1969 für wummernde Herzen und trockene Gaumen: Jane Birkin & Serge Gainsbourg. - © Hulton-Deutsch/Getty

Jane Birkin und Serge Gainsbourg stöhnen sich mit dem Lied "Je t’aime . . . moi non plus" für acht Wochen auf Platz eins der Schweizer Hitparade und sind auch vier Wochen lang die Nummer eins in Österreich, aber nur Platz drei in Deutschland. In England wird die erotisch aufgeheizte Single zunächst skandalisiert und von den Radiostationen boykottiert, erreicht aber trotzdem die Spitze der UK-Charts. In Italien protestiert der Vatikan gegen das Lied, in der Folge wurden der Produzent der italienischen Plattenfirma "Paradise" verhaftet und der Vertriebsleiter exkommuniziert. Doch der Erfolg des melodiösen Orgasmus-Hörspiels ist nicht zu stoppen. "Je t’aime . . . moi non plus" wurde weltweit mehr als zwei Millionen Mal verkauft und zu einem Kultsong.