"Der Tod, das muss a Wiener sein", singt Georg Kreisler im Jahr 1969. Zu diesem Zeitpunkt ruhen am Wiener Zentralfriedhof bereits mehr als drei Millionen Tote - die lebende Bevölkerung ist nur etwa halb so groß. Platzpro-bleme sind also über kurz oder lang zu erwarten. Udo Proksch gilt damals bereits als Enfant terrible der österreichischen Gesellschaft. Zu seinen ausgefallenen Ideen gehörte der 1969 gegründete "Club der senkrecht Begrabenen", der Tote in Plastikröhren einschweißen und senkrecht in die Erde stellen will. Gründungsmitglieder sind Prokschs erste Ehefrau Erika Pluhar und Helmut Qualtinger, dem 1969 der Goldene Rathausmann verliehen wird.

Realität und Satire sind bereits damals nicht immer unterscheidbar: In Wien ist beschlossen worden, den Verpflegungssatz für die fünf Wachhunde der Magistratsabteilung 30 (Kanalisation) zu erhöhen. Diese fünf Wachhunde bewachen die Hochwasserpumpwerke und Kläranlagen. Die vierbeinigen kommunalen Wachorgane könnten mit Recht darauf hinweisen, dass eine Anhebung ihrer "Bezüge" längst fällig ist: Sie stehen auf einem Verpflegungskostensatz von fünf Schilling pro Hund und Tag, während etwa die Polizeihunde mit zwölf Schilling pro Tag vergleichsweise luxuriös leben. Die fünf Kanalisations-Vierbeiner können von nun an insgesamt einen Jahresbetrag von 21.900 Schilling verschlingen - im wahrsten Sinn des Wortes . . .

Die schneereichsten Winter in Westösterreich sind 1966/1967 und 1969/1970 gewesen. Im Bregenzer Wald werden insgesamt an die 17 Meter Neuschnee gemessen. In Ostösterreich bringt der Winter 1969/1970 ebenfalls Rekord-Schneemengen: In Wien-Mariabrunn misst man 288 cm Neuschnee.

Der guten Ordnung halber sei hier noch vermerkt: Südamerikanische Atmosphäre herrscht im Wiener Rathaus, als die Botschafterin der Bananenanbauländer, Ximena Iragorri aus Kolumbien, dem Wiener Bürgermeister einen Sombrero voller Bananen überreicht. Es ist das Symbol für 1000 Kilogramm Bananen, die "Chiquita" für Wiener Alters- und Kinderheime spendet.

Das Statistische Amt der Stadt Wien weist in seinem 1969er-Bericht für November 864 Eheschließungen, 1436 Geburten und 2284 Sterbefälle aus. Nach dem Bericht der Polizeidirektion sind im November 12.624 Personen nach Wien zugewandert. 10.109 haben sich abgemeldet. Und das Silvester-Programm des Österreichischen Fernsehens hat seinen Auftakt im Wiener Rathaus. Um 18.15 Uhr präsentiert Heinz Conrads eine einstündige Sendung unter dem Motto "Hereinspaziert ins Neue Jahr". Gabriele Jacoby, Otto Schenk, Fritz Muliar, Eberhard Wächter wirken u.a. mit.

Den 1969 herrschenden Zeitgeist drückt für mich am besten Hippie-Ikone Janis Joplin aus: "Mein Job ist es, zu genießen und Spaß zu haben. Und warum auch nicht, wenn am Ende sowieso alles endet, oder? Ich lebe lieber zehn überglückliche, ausgelassene Jahre als schließlich 70 zu werden, um in einem verdammten Sessel dem Fernsehen zuzuschauen . . ."