Über 27.000 Zivilisten wurden in die Lager Omarska, Keraterm und Trnopolje gebracht und dort interniert. 3176 von ihnen fanden entweder auf dem Weg dorthin oder in diesen Lagern den Tod. "Die ethnischen Säuberungen in Prijedor wurden systematisch geplant", ist Vedran Dzihic überzeugt. Auch die Dörfer der Umgebung wurden ausgelöscht; die Bevölkerung in Massengräbern verscharrt. Das Kriegsverbrechertribunal in Den Haag stuft die Verbrechen bis heute nicht als Völkermord ein, da die Beweislage den Richtern nicht ausreicht. Die Mehrheit der Bosniaken sei aber nach wie vor der Meinung, dass hier ein Völkermord oder Genozid geschah, so Dzihic.

Anita Zečić, ihre Schwester und ihre Mutter entkamen nur knapp der Deportation in ein Lager. Sie konnten mit dem letzten Bus, der die Stadt verließ, nach Belgrad fahren. Ihr Onkel gilt aber seit dem Sommer 1992 als vermisst. Anita schlägt ein dickes Buch mit allen Toten und Vermissten von Prijedor auf. Auf einer Seite zeigt sie auf ein Bild. "Da ist er", sagt sie mit trauriger Stimme. "Wahrscheinlich liegt er bis heute irgendwo in einem Massengrab."

Für den österreichischen Schriftsteller Martin Pollack verbergen Massengräber die Opfer. Ohne sie könne kein Verbrechen nachgewiesen und auch keine Anklage erhoben werden. Über Massengräber wachse Gras, schreibt er in seinem 2014 erschienenen Buch "Kontaminierte Landschaften". In Tomašica bestand eines der größten Massengräber seit dem Zweiten Weltkrieg. Erst 2017 wurde es geöffnet und die sterblichen Überreste von über 400 Bosniaken und bosnischen Kroaten exhumiert, erklärt Valentin Inzko, seit 2009 Hoher Repräsentant von Bosnien-Herzegowina.

Über zwanzig Jahre nach Ende des Krieges gelten viele Menschen immer noch als vermisst. Ihre Familien geben aber die Hoffnung nicht auf, die Wahrheit darüber herauszufinden, was mit ihren Angehörigen passiert ist, sagt der Diplomat. "Für die Überlebenden sind die Geschehnisse nicht vergessen, sie tragen die Narben des Krieges weiterhin jeden Tag mit sich." Die Ereignisse in Prijedor scheinen im Gegensatz zu Srebrenica und Goražde heute nicht nur vergessen; sie werden auch von der Weltgemeinschaft nicht anerkannt, bedauert Zečić. Würde sie das tun, müsste sie zugeben, dass sie nichts dagegen unternommen hatte. Erst die Einnahme von Srebrenica und die Angriffe auf Sarajevo sorgten für ein Umdenken, so die Künstlerin.

Narben verheilen nicht

Im Jahr 1995 beendete schließlich der Friedensvertrag von Dayton den über drei Jahre dauernden Bürgerkrieg zwischen den drei Volksgruppen. Dieser teilte das Land in zwei annähernd gleich große Entitäten: in die bosnisch-kroatische Föderation, in der heute überwiegend Kroaten und Bosniaken leben, und in die Republika Srpska, in der heute überwiegend bosnische Serben leben und in dem Prijedor heute liegt.

Vor über zehn Jahren wurde Zečić von den schrecklichen Erlebnissen ihrer Kindheit wieder eingeholt: Sie begann sich damit auseinanderzusetzen; gestaltete in einem Atelier in Wien zuerst ein bosnisches Minenfeld nach. Auch erzählte sie Mitstudierenden über den Bürgerkrieg in Bosnien-Herzegowina und die Tausenden Toten. Das kann alles nicht wahr sein, bekam sie öfters zu hören. Prijedor war niemandem ein Begriff. Das musste sich ändern.