Als Künstlerin wählte Zečić einen nicht ungewöhnlichen Weg: sie wollte den Toten und Vermissten ein Denkmal setzen - und zwar nicht an Ort und Stelle, sondern dort, wo Anita Zečić es wollte. Im November 2015 verbrachte sie mit Freundinnen einige Tage in Rom. Sie besichtigten hier auch den Petersdoms. In der Kuppel bekam die Künstlerin es plötzlich mit der Angst zu tun. Hunderte Menschen, schlechte Luft und eine bedrückende Enge - sie empfand nach, wie sich Menschen gefühlt haben mussten, die eingepfercht in einem Lager festgehalten wurden. "Hier oben kam mir in den Sinn, wie meine Erinnerung an die Ermordeten von Prijedor aussehen wird."

Zurück in Wien und viele Monate später: Anita Zečić entwarf zunächst eine Skizze, reichte diese dann an der Universität als Di-
plomarbeitsthema ein. Nach deren Zusage nähte sie los. Vier Monate lang arbeitete sie an dem Kunstwerk (ihrer Diplomarbeit), das sie später Prijedor 92 nennen würde. 846 Dreiecke verband sie mit 846 Knoten und 423 Schnüren, 48 Schnittmuster, die Länge des Garns - all das ergab in Summe die Zahl 3176. Diese Zahl steht für die zivilen Opfer, die in Prijedor und in den Dörfern der Umgebung von serbischen Paramilitärs unschuldig ermordet wurden. Als Stoff verwendete sie weißes Segeltuch. Im November 2016 nähte sie die Kuppel fertig. Nach dem Aufbau ist sie drei Meter hoch und sechs Meter breit.

Bei der Präsentation ihres "wandernden Denkmals" am 27. April 2016 in Sarajevo kam kein einziger Politiker, obwohl sie viele einlud, bedauert die Künstlerin. "Nicht einmal der Hohe Repräsentant Valentin Inzko ließ sich blicken." Dafür die früheren Generäle - darunter auch Jovan Divjak, ein bosnischer Serbe, der im Krieg auf der Seite der bosnischen Regierung gegen die bosnischen Serben kämpfte. Diesen Tag wählte Zečić nicht zufällig, da Anfang Mai 1992 die Paramilitärs der bosnischen Serben die Kontrolle über Prijedor übernahmen.

Die Künstlerin erinnerte nicht nur in Sarajevo mit ihrem mobilen Denkmal an das Geschehen. Auch in vierzehn europäischen Städten und vor dem Gerichtsgebäude in Den Haag baute sie es auf. "Bei der letzten Aktion im vergangenen Mai in Belgrad brauchte ich nur mehr eine Stunde." Über 45 Polizisten beobachteten sie dabei skeptisch, während sie es zwischen Regierungssitz und Präsidentenpalast in die Höhe zog. Proteste gegen das Denkmal gab es dort keine, wundert sie sich bis heute. Eingeladen wurde sie vom serbischen Verein "Humanitäre Rechte". Dieser übernahm die Kosten für den Transport des Denkmals von Wien nach Belgrad.

Vorgelesene Namen

Was möchte die Künstlerin mit ihrem Denkmal erreichen? "Ich möchte Menschen wachrütteln und sie zum Nachdenken bringen." Sie sollen sich mit der Vergangenheit auseinandersetzen und gegenseitige Vorurteile abbauen, wünscht sie sich. Leider tun das immer noch zu wenige - gerade in Bosnien-Herzegowina.

Sie möchte damit nicht nur an die kulturelle Vielfalt von Prijedor erinnern; sie will damit auch zeigen, dass Synagogen, orthodoxe wie katholische Kirchen oder Moscheen oft über eine Kuppel am Dach verfügen. "Dieses Merkmal verbindet alle Religionen", ist sie überzeugt.