Der Verfasser des Artikels war in die Aktualitätsfalle getappt: Er hatte seinen Beitrag "kalt" geschrieben und bereits vor dem Ereignis in Druck gegeben. Aber nicht nur Boulevardzeitungen, sondern auch Qualitätsmedien sind gegen Falschmeldungen nicht immun: Ihr wunder Punkt heißt Originalität.

Ein Paradebeispiel bot das "SZ-Magazin". Aufsehen erregte diese Beilage der "Süddeutschen Zeitung" nicht nur durch stilistische Brillanz und gelungene Optik, sondern auch durch unkonventionelle Interviews mit Hollywoodgrößen wie Sharon Stone, Kim Basinger und Brad Pitt. Diese Interviews, geliefert von dem in Los Angeles lebenden Reporter Tom Kummer, offenbarten Erstaunliches aus dem Seelenleben der Stars. Sie waren "exklusiv" im doppelten Sinn: nämlich außergewöhnlich - und frei erfunden.

Nach dem Auffliegen der Fälschungen versuchte sich Kummer als Aufklärer und Medientheoretiker: Er charakterisierte seine Arbeitsweise als Montage aus verschiedenen Quellen und rückte sie in die Nähe der "Konzeptkunst". "Alles demontieren, alles dekons-truieren fand ich toll, besonders bei einem Mainstream-Medium wie dem Journalismus, das offensichtlich nach sehr klaren Vorstellungen funktionieren muss." Sein eigenes Berufsverständnis fasst er in dem Begriff "Borderline-Journalismus" zusammen.

Kummer ist nicht ohne Nachahmer geblieben. Vor wenigen Tagen erst musste das deutsche Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" einräumen, jahrelang fehlerhafte Reportagen gedruckt zu haben. Der Redakteur Claas Relotius hatte immer wieder Geschichten manipuliert, angebliche Fakten erfunden und Gesprächspartner mit frisierten Zitaten präsentiert, ohne dass die riesige Dokumentationsabteilung des Blattes ihm auf die Schliche gekommen war. Der 33-Jährige, der auch in österreichischen Medien publiziert hat, war mehrfach mit renommierten Journalistenpreisen ausgezeichnet worden.

Ins Gerede gekommen ist jüngst auch der preisgekrönte österreichische Schriftsteller Robert Menasse. Dass er nicht nur als Literat, sondern auch als politischer Publizist "Fiktives als Faktisches" ausgebe, hat ihm die deutsche Zeitung "Die Welt" vorgeworfen: Menasse habe den deutschen CDU-Politiker Walter Hallstein (1958 erster Kommissionsvorsitzender der EWG) regelmäßig als Eidhelfer für seine eigene politische Agenda (Überwindung der Nationen) bemüht - allerdings mit falschen Zitaten wie "Die Abschaffung der Nation ist die europäische Idee". Ein Satz, den Hallstein "so zugespitzt" nie gesagt hat, wie Robert Menasse gegenüber der "Welt" nun bekannte und sogleich hinzufügte: "Was kümmert mich das ,Wörtliche‘, wenn es mir um den Sinn geht."

Waren die geschilderten Fälle Beispiele für Fehlleistungen von Journalisten oder Autoren, so sind die Medien bei einem anderen Typ von Falschmeldungen Opfer politischer Instrumentalisierung. Insbesondere autoritäre und totalitäre Herrscher haben sich dabei hervorgetan. Die Fälschungsmethoden der Faschisten, Stalinisten und Maoisten haben bis in unsere Tage hinein gelehrige Schüler gefunden.