Neu ist, dass zur Produktion von Feindbildern immer häufiger PR-Agenturen eingesetzt werden. Ein frühes Beispiel bot der westafrikanische Bundesstaat Nigeria. Dieser volkreichste Staat Afrikas erhielt 1960 die Unabhängigkeit. Nach einem blutigen Putsch rief der Militärgouverneur 1967 die Ostregion zum unabhängigen Staat Biafra aus. Biafra kämpfte freilich nicht nur mit Gewehren, sondern auch mit den Waffen einer gezielten Öffentlichkeitsar-beit. Die Genfer PR-Agentur Markpress versorgte die europäischen Medien mit einschlägigem Propagandamaterial.

Biafrawurde planmäßig mit Stereotypen besetzt, die in Westeuropa Sympathie und Hilfe mobilisieren sollten. Die Meldung, dass die Biafraner Ratten essen "müssen", sollte die Grausamkeit der nigerianischen Zentralregierung unterstreichen - Fotos davon gingen um die Welt. Ekel und Abscheu waren die Folge. Dass das Fleisch der Ratte in Westafrika zu den begehrtesten Delikatessen gehört - davon war in diesen Propagandaberichten nicht die Rede.

Die Massenmedien waren häufig nicht nur Mittel, sondern auch Ziele von Falschmeldungen. Als Pionier auf diesem Gebiet hat sich der Wiener Ingenieur Arthur Schützeinen Namen gemacht. Am 17. November 1911 schrieb er, wie er sich später erinnert, "unter dem Zwange eines mir selbst unbegreiflichen Impulses in einem Zuge, wie im Fieber, den haarsträubendsten technischen Unsinn, der mir gerade einfiel, in der Form eines Erdbebenberichtes an die ‚Neue Freie Presse‘ nieder. Alles an diesem Berichte war Spott und Hohn, und nichts als ein Höllenwirbel hirnrissiger Verkupplung aller technischen Begriffe."

Trojanische Hunde

Am nächsten Morgen stand jener Artikel in dem Wiener Prestigeblatt. Als Autor angegeben ist ein Dr. Ing. Erich Ritter von Winkler, Assistent der Zentralversuchsanstalt der Ostrau-Karwiner Kohlenbergwerke. In diesem absurden Nonsens-Bericht stand auch der Satz: "Völlig unerklärlich ist jedoch die Erscheinung, daß mein im Laboratorium schlafender Grubenhund schon eine halbe Stunde vor Beginn des Bebens auffallende Zeichen größter Unruhe gab."

Was hatte der Verfasser gemacht? Er hatte, sozialwissenschaftlich gesprochen, ein Feldexperiment gestartet. Er ging von der Hypothese aus, dass ein Bericht aufgenommen werde, sobald er nur "im Gewande der Wissenschaft schillere und von einem gut klingenden Namen gekennzeichnet sei" sowie "den ausgefahrenen Gedankenbahnen des Publikums und der Mentalität des Blattes entspreche". Diese Hypothesen konnte er verifizieren, dieses Mal und noch viele weitere Male. Schütz bereicherte die wissenschaftlich-technische Zivilisation in der Folge um "ovale Wagenräder" und "feuerfeste Kohlen", um "Degeneratoren" und "Seilrillen", um "Imprägnierungsanlagen für eichene Ridialholznieten und plombierte Zahnräder", um "Betonwürmer", "Para-finzündholzfabriken" und viele andere wundersame Innovationen.

Bereits 1556 hat Agricola in seinem wichtigen Werk über den Bergbau, "De re metallica", jenen hölzernen Laufwagen beschrie-ben, den die Bergleute als "Hund" bezeichnen. Seit Schütz ist dies ein pressetypologischer Begriff geworden. Im Unterschied zur Zeitungs-"Ente", der schlichten Falschmeldung, haben die "Grubenhunde"eine medienpädagogische Mission. Ihre Züchter wollen die mangelnde Kompetenz der Journalisten aufdecken, ihre Ignoranz züchtigen.