Trotzdem ist die Idee von Mauern und Grenzzäunen, mag sie von Populisten auch noch so oft als Bollwerk und Breitbandtherapeutikum gegen die "Flüchtlingswelle" (als wäre dies eine Naturkatastrophe!) beschworen werden, in Zeiten der Globalisierung anachronistisch. Wurden nach dem "Fall der Mauer" nicht das "Ende der Geschichte" (Francis Fuku- yama) und der Siegeszug der liberalen Demokratie proklamiert? Und wenn man jetzt wieder Mauern errichtet - dreht man damit die Geschichte nicht zurück? Zementiert man damit nicht einen Geschichtsrevisionismus?

Je mehr man die beiden Lösungsansätze - totale Abschottung hier, Fusion zweier Kontinente dort - nebeneinander legt, desto visionärer wirkt die Idee einer geografischen Unierung - und desto gestriger die Idee der Abschottung.

Plattformen im Meer

Der französische Architekt Axel de Stampa hat 2015, auf dem Höhepunkt der Flüchtlingskrise, ein interessantes Projekt ("Passage") vorgeschlagen: Durch die Installation von Plattformen im Mittelmeer sollten die Grenzen überwunden und Kontinente miteinander verbunden werden. Bei den Plattformen handelt es sich um keine schwimmenden Inseln, sondern um fest im Meeresboden verankerte Säulenstrukturen, die zwischen dem afrikanischen und europäischen Kontinent errichtet werden. Die Flüchtenden könnten sich von Plattform zu Plattform bewegen; neue sicherere Fluchtrouten über die Meerenge von Gibraltar oder nach Sizilien entstünden. Der Entwurf aktualisiert Sörgels Utopie der Kontinentalverbindung - nicht durch eine Absenkung des Meeresspiegels, sondern durch künstliche Inseln.

Axel de Stampas Projekt "Passage": Durch die Installation von Plattformen im Mittelmeer sollen Grenzen überwunden und Kontinente verbunden werden. - © Abbildung: 1 Week 1 Project
Axel de Stampas Projekt "Passage": Durch die Installation von Plattformen im Mittelmeer sollen Grenzen überwunden und Kontinente verbunden werden. - © Abbildung: 1 Week 1 Project

Gleichwohl wäre "Passage" politisch und technisch niemals umsetzbar. Zu hoch wären die Kosten, zu groß die baulichen Herausforderungen und der Widerstand in der Bevölkerung. Dagegen wäre "Atlantropa" leichter
realisierbar gewesen: Die Abriegelung der dreizehn Kilometer breiten und 300 Meter tiefen Straße von Gibraltar stellt bautechnisch kein großes Problem dar. In Dubai werden künstliche Inseln aufgeschüttet, in Japan hektargroße Flughäfen in tektonisch sensiblen Zonen im Meer errichtet. Warum sollte man die Meerenge nicht mit Geröll, Sand und Schutt schließen können?

Allein, wer Utopien nach baulichen Maßstäben bewertet, schrumpft sie auf Normalmaß. Es handelt sich um ein Imaginär, um über die Sinnhaftigkeit und Absurdität von Grenzwällen und Befestigungsanlagen zu reflektieren. Europa war nie ein hermetischer Kosmos, sondern immer ein Kontinent in Bewegung.

Die Politik war schon einen Schritt weiter. Der ehemalige französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy verfolgte das Projekt der Mittelmeerunion, um mit Anrainerstaaten wie Algerien, Libyen, Ägypten, dem Libanon und Syrien den gemeinsamen Katas-trophenschutz, den Ausbau von Verkehrsverbindungen zwischen Häfen und Bahnstrecken und die Erstellung eines Solarenergie-Planes für das Mittelmeer voranzutreiben. Das Projekt war getragen von der Vision, den Seehandel der Antike wieder aufblühen zu lassen, eine Magistrale von Marseille (dem alten Massilia) bis Beirut zu errichten. Es gab sogar Diskussionen, Marokko in die Europäische Union aufzunehmen - das nordafrikanische Land stellte 1987 einen Beitrittsantrag. Heute ein unvorstellbarer Vorgang. In Brüssel diskutiert man nicht über die Aufnahme, sondern über Rückführungsabkommen für Flüchtlinge.