Mediterranisierung

Man muss das Projekt "Atlantropa" in seiner ganzen Ambivalenz betrachten. Es geht bei dem Vorhaben auch um die ökologischen Folgen. Mit der Realisierung dieser wahnwitzigen Idee hätte man das Zeitalter des Anthropozäns beschritten, jene Epoche der Erdgeschichte, in der der Mensch zum geologischen Faktor wird und es kaum noch eine externe Umwelt gibt. Die eigentliche Ironie der Geschichte ist, dass das Mittelmeer eben kein regulativer Raum ist, den man durch Inge-nieurskunst wie einen Wasserhahn zudrehen kann, sondern ein Raum, der sich im Klimawandel immer weiter ausdehnt: Die heißen Sommer und Verwüstungsprozesse auch nördlich der Alpen sind die ersten Anzeichen einer Mediterranisierung des Kontinents.

In der Bretagne erproben Winzer den Anbau von Weinreben, in Frankfurt gedeihen Pinien, Eukalyptus und sogar Oleander. Stadtethnologen beobachten schon länger eine "Mediterranisierung der Innenstädte": Bars und Cafés stellen Stühle auf die Straßen, Stadtstrände inszenieren mit Palmen und Sand ein mediterranes Lebensgefühl, Möbelhäuser werben mit mediterranem Interieur ("Wohnen wie in der Toskana"). Der Lebensraum des Mittelmeers kommt auch so zu uns, ohne dass man den Meeresspiegel absenken muss. In der Versüdlichung der Gesellschaft schwingt auch immer ein kulturalistisches Vorurteil des "dolce vita" mit, eines Lebenswandels, der eher dem Müßiggang als harter Arbeit frönt.

Der Beitrag von Camus

In der Euro- und Staatsschuldenkrise, auf deren Höhepunkt etwa die "Bild"-Zeitung gegen "die faulen Griechen" Stimmung machte, war von "mediterraner Schludrigkeit" die Rede. Die "Wirtschaftswoche" glaubte eine "mediterrane Mischung aus Wut und Orientierungslosigkeit" zu diagnostizieren, als ließen sich derlei Aufwallungen für ihren geografischen Ursprungsort typisieren. Der mediterrane Lebenswandel, den man allenfalls als folkloristisches Straßen-Schauspiel kultiviert, ist vor allem der teutonischen Ordnungsliebe suspekt. Kann es sein, dass eine kontinentale Lage kleingeistig macht?

Vielleicht sollte man das Mittelmeer als einen Möglichkeitsraum begreifen. Albert Camus, der die Sommertage am Meer in Algier als größtes Glück beschrieb und dessen Gedanken zeit seines Schaffens um das Mittelmeer kreisten, rief in seinem Essay "Der Mensch in der Revolte" (1951) zu einem "mittelmeerischen Denken" auf: "Wir entscheiden uns für Ithaka, die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat, die Großzügigkeit des wissenden Menschen. Im Lichte bleibt die Welt unsere erste und letzte Liebe. Unsere Brüder atmen unter dem gleichen Himmel wie wir; die Gerechtigkeit lebt. Dann erwacht die sonderbare Freude, die zu leben und zu sterben hilft und die auf später zu verschieben wir uns fortan weigern."