Ein Befund, dem Alfred Polgars Feststellung gleich eingangs seiner "Theorie des Café Central" korrespondiert, dehnt man diese auf das Kaffeehaus ganz allgemein aus: "Das Café [. . .] ist [. . .] eine Weltanschauung, und zwar eine, deren innerster Inhalt es ist, die Welt nicht anzuschauen." Woher rührt überhaupt die hiesige Vorliebe fürs Kaffeehaus? Anton Kuh benennt 1926 in den "Münchner Neuesten Nachrichten" an "tieferen psychologischen Gründen für diesen Kaffeehaus-Kult der Wiener" folgende:

"Die aus der Tratschfreude und der sozusagen physiologischen Kleinstädterei stammende Unfähigkeit, Räumlichkeiten und Behausungen zu ertragen, die nicht einen intimen, überdachten Markt-Charakter haben, wo also nicht, angenehm nebelhaft und unscharf gemacht durch den Tabaksqualm, akustisch temperiert durch das Ineinandertönen von Gespräch, Tassenklappern, Kugelaufschlagen, die Einsamkeit nach Geselligkeit, die Privatheit nach Öffentlichkeit aussieht; seine Vorliebe für die komparsenhafte Miteinbeziehung der übrigen Menschheit ins Komödienspiel seines Daseins; endlich seine Liebe zu der Reibungswärme, welche sich aus jener schlampigen Beziehungslosigkeit ergibt, die nach außen wie ein Allumarmen und Allumfassen wirkt. Laß Kleinstädter wider Willen zu Weltstädtern arrivieren und es wird der Kaffeehauswiener herauskommen!"

Geringschätzung

Die Apposition "Kaffeehaus" verleiht denn auch einem Grundwort eine negative Konnotation: Will man die Geringschätzung eines Bekannten zum Ausdruck bringen, bezeichnet man ihn als Kaffeehausbekanntschaft. Aber schon der appositionslose "Literat" war im Verständnis der Hochzeit des Wiener Kaffeehauses ein Schreiber minderer Kategorie, jemand, der für den Tag schreibt, ein Schreiberling - im Gegensatz zum Dichter, der mit im Pythia-Dampf kondensierter Sprache Überzeitliches zu Papier bringt.

Im Mai 1931 echauffierte sich der aktivistische Publizist Kurt Hiller in einer Zuschrift über die Bemerkung "Die Amateure schreiben heute besser als das ganze aus dem Tintenfaß gekrochene literarische Zünftlerpack", welche Anton Kuh in seiner Besprechung von Walther Rodes markiger Justizsatire "Knöpfe und Vögel. Lesebuch für Angeklagte" fallen gelassen hatte. "Die Weltbühne" sei doch mehrfach gegen diesen "von gewissen Literaten immer wieder verübten Unfug", auf den Literaten zu schimpfen, aufgetreten.

Wenn Kurt Hiller auch von der Redaktion belehrt wurde, dass sie die "handfeste Grobheit" hier nicht als pauschale Verunglimpfung auffasse, war sie mit dem Leserbriefschreiber doch "einer Meinung über den groben Unfug, daß ein Literat den andern Literat schimpft".

Was kommt heraus, wenn "Kaffeehaus" und "Literat" vermählt werden? - ",Caféhausliterat‘ ist ein Schimpfname, den jene gebrauchen, die sich selbst als erhabene Geister unter dem freien Himmel meinen", hält Heimito von Doderer 1960 in einem "magnum"-Beitrag fest. Das ist mitnichten ein punktueller Befund. Roda Roda vermerkt 1927 in der Einleitung zu einem Rundgang durch die zentraleuropäische Kaffeehaus-Szene: "Man spricht verächtlich von ,Kaffeehausliteraten‘"; (ironischer Nachsatz: "ich rechne mich schamlos zu ihnen").