Selbstdarsteller

Ein Schwenk zurück in der Zeit: Am 31. Oktober 1918 formiert sich bei einer Versammlung auf dem Deutschmeisterplatz die Rote Garde, eine linksradikale bewaffnete Truppe von zunächst 200 Mann, deren Kommando Egon Erwin Kisch zeitweise innehat. Unter dem Titel: "Die Wiener ,Rote Garde‘. Eine Gründung der Prager Kaffeehausliteraten" veröffentlicht Georg Bittner, Chefredakteur des "Neuen 8 Uhr Blatts", am 16. November 1918 eine Polemik gegen Kisch, Franz Werfel, Franz Blei und Albert Paris-Gütersloh.

Dass zwei der Genannten, Kisch und Werfel, aus dem "Schmockkästchen" der Monarchie, eben Prag, stammen, reibt ihnen Bittner gleich eingangs seiner Streitschrift unter die Nase. Bei einer Gerichtsverhandlung im März 1920 - Franz Blei hatte eine Klage auf Ehrenbeleidigung angestrengt - präzisiert Bittner, was er unter "Kaffeehausliteraten" verstehe: eitle, weltfremde, verantwortungslose Selbstdarsteller und Wirrköpfe.

Um 1930 geht die Invektive "Kaffeehausliterat" zunehmend in Richtung "Asphaltliterat", also die "wurzellose" urbane Moderne. Als "Asphaltliterat" stellte Anton Kuh sich bei seinen Stegreif-Auftritten nach 1933 wiederholt dem Publikum stolz vor, den völkischen Kampfbegriff ironisch in eine Selbstbeschreibung wendend. Dass man ihn den "Schollenlosen" zurechnete, fand Kuh durchaus passend: "Franz Werfel erläuterte einmal den Unterschied zwischen ,konsekutiver Logik‘ und ,assoziativer Logik‘: diese finde man seltsamerweise bei den Menschen, die mit dem Acker keinen Zusammenhang hätten, jene gehöre den Schollenverbundenen. Wenn das wahr ist, dann kann ich die Leute verstehen, die meine Frechheit bodenlos nennen."

Kuhs Bonmot "Was ist ein Kaffeehausliterat? Ein Mensch, der Zeit hat, im Kaffeehaus über das nachzudenken, was die anderen draußen nicht erleben" ist hingegen mitnichten als launige Selbstcharakterisierung zu verstehen. Denn er hegt eine Aversion gegen die feuilletonistischen Dampfplauderer, die "statt in der Welt im luftleeren Raum der Intellektualität leben" und, während über dem Strich Tacheles geredet wird, unter dem Strich die Misslichkeiten der Welt mit einem rosa Zuckerguss drapieren.

Wiener Geistesleben

Die abschätzige Bedeutung ist noch in den 1980er Jahren geläufig: So hatte 1981 ein anonymer Rezensent des Anton-Kuh-Sammelbands "Luftlinien", der den hellsichtigen und streitbaren Intellektuellen herausstellte, in der "Arbeiter-Zeitung" kopfschüttelnd vermerkt, dass die "absurderweise aus der DDR" übernommene Teilsammlung Kuh weniger "als den Clown, sondern als Kämpfer, zumindest im Nachwort weniger als flanierenden Feuilletonisten denn als Bekenner" zeige. Zwei Jahre darauf bringt er in der Besprechung des Nachfolgebands, "Zeitgeist im Literatur-Café", seinen Widerwillen auf den Punkt: Nicht ernst zu nehmen, allenfalls der "Charmeur, der Humorist" sei der Beachtung wert: "Druckt von Kuh, was ihr finden könnt, aber laßt ihn sein, was er war, ein Wiener Caféhausliterat."