In William Johnstons "Österreichischer Kultur- und Geistesgeschichte" ist das Kaffeehaus im Fin de Siècle schlechthin Zentrum des Wiener Geisteslebens - und unter anderem stilbildende Produktionsstätte der zeitgenössischen und -typischen Literatur: "Triumph der Konversation in Kaffeehaus und Feuilleton" lautet der programmatische Zwischen- titel im größeren Abschnitt "Phäaken und Feuilletonisten", der das Stereotyp der Wiener Genusssucht mit der hiesigen kulturellen Praxis kurzschließt. Womit er, scheint’s, einen Aspekt von Wiener Lebensart und Weltverständnis treffend fasst.

Zählebige Mythen

Dass der Begriff "Kaffeehausliteratur" als Gattungs- oder Genrebezeichnung unbrauchbar ist, weil sich unter diese nichts praktikabel, geschweige denn sinnvoll subsummieren lässt, ist inzwischen wissenschaftlich ausdiskutiert. Dass im Kaffeehaus bisweilen auch Texte verfasst wurden, ist unbestritten und im Einzelnen belegt. Dass viele Autoren ihre literarische Arbeit dorthin verlegt hätten, ist dagegen einer jener zählebigen Mythen, die sich um diesen "eng mit Wien verbundenen Gemeinplatz" (Roland Innerhofer) gebildet haben.

Damit erweist sich auch der Schluss von der (vermeintlichen) Schreibsituation - vom unruhigen Ambiente - auf Textcharakteristika wie Kürze, Prägnanz, Mündlichkeit, Aktualität, Dialogizität als Fehlschluss. Nicht der (vermeintliche) Entstehungsort bestimmte die Formenwahl, sondern der Publikationsort: das Feuilleton, soll heißen, das der Kultur gewidmete "Buch" der Tageszeitung, respektive der dieser Materie unter dem Strich reservierte Platz.

Neuere Literaturgeschichten, gleich ob österreichischer oder deutscher Provenienz, operieren denn auch nicht mit dieser Kategorie, sondern heben allenfalls auf das Kaffeehaus als halböffentliche soziale Institution, als gesellige Begegnungsstätte der Literaturszene ab. Was nichts daran ändert, dass weiterhin, ungeniert um die Triftigkeit und deskriptive Validität des Etiketts, etwa Egon Friedell, Peter Altenberg, Alfred Polgar, Anton Kuh, Joseph Roth, Franz Werfel, Hugo von Hofmannsthal und Karl Kraus, bisweilen auch Robert Musil im Rahmen touristischen Wien-Marketings unter "Kaffeehausliteratur" und unter dem Signum anheimelnder Donaumonarchie-Nostalgie verkauft werden - verraten und verkauft! Dass die Genannten alle in einen Topf geworfen werden, ist abenteuerlich genug. Die "Kaffeehausliteratur", diese Deutung des Wienertums aus dem Geist des Gugelhupfs - ganz Wien ein einziges Kaffeehaus! -, gehört unverrückbar zum Inventar der donaustädtischen Folklore: der "innere Doppeladler" (Friedrich Torberg) gleichsam oder halt die paar ausgerupften Federn, die man sich hier immer noch gern an den Hut steckt.

Probe aufs Exempel: Wer käme auf die Idee, den Logischen Empirismus "Kaffeehausphilosophie" oder jene Vertreter des Wiener Kreises, die im Café Central verkehrten, darunter Moritz Schlick, Otto Neurath, Rudolf Carnap und Kurt Gödel, als "Kaffeehausphilosophen" zu bezeichnen?

Aber selbst gegen das hiesige Gewese um das "Literaturcafé" und dessen Verklärung zum geselligen Ort inspirierten und inspirierenden Gedankenaustauschs erhob sich zeitgenössisch schon vehementer Einspruch. Der Schriftsteller Ludwig Hirschfeld etwa schildert das Litertatencafé 1912 in seinem durchgängig ironisch markierten Initiationsbericht als Jahrmarkt der Eitelkeiten und Börsenplatz findiger literarischer Kleinunternehmer, allesamt "Agenten des eigenen Ruhms".