"Das mit dem Café Griensteidl und den großen Schlagworten, die dort von Bahr ausgegeben worden sein sollen, ist Erfindung und Eselei." (Hermann Bahr). - © Archiv
"Das mit dem Café Griensteidl und den großen Schlagworten, die dort von Bahr ausgegeben worden sein sollen, ist Erfindung und Eselei." (Hermann Bahr). - © Archiv

Der Kulturpublizist Edmund Wengraf beschreibt die bisweilen als Bildungsanstalt, von Hermann Bahr gar als "platonische Akademie" verklärte Institution in seiner Diatribe gegen dieses Capua der Geister 1891 desillusioniert als "Schule der geistigen Verderbniß". Und der Journalist und Dramatiker Rudolf Lothar macht sie 1907 als Brutstätte des "literarischen Schmocks" aus: "Schmock" verstanden als "exzentrischer Wichtigtuer in Dingen, deren Geringfügigkeit in keinem Verhältnis steht zu dem idealen Schwung, den er an sie vergeudet", als "Don Quixote des Banalen" -, dem das Marmortischchen, an dem er seine Tage absitzt, der Nabel der Welt ist.

Hermann Bahr zerlegt denn auch 1903 in einem Interview mit dem "Neuen Wiener Journal" die Legende rund um "Jung-Wien" und dessen Geburts- und Pflegestätte: "Und das Café Griensteidl? Die legendarische Kaffeehausliteratur? Bahr lächelt und Schnitzler greift in die Debatte ein. Der Eine erklärt, in seinem Leben nur zweimal mit Schnitzler und Hofmannsthal zusammen in dem genannten Café gewesen zu sein, der Zweite ist geärgert darüber, daß man noch immer in ,trefflich‘ informierten Zeitschriften von ihm als Kaffeehausdichter spricht. Und ich entnehme den Ausführungen Folgendes: Das mit dem Café Griensteidl und den großen Schlagworten, die dort von Bahr ausgegeben worden sein sollen, ist Erfindung und Eselei. Aber Bahr amüsirt sich darüber, daß die Legende noch heute erhalten ist."

Noch feiern das Wiener Café - seit 2011 immaterielles Unesco-Kulturerbe - und die "Kaffeehausliteratur" als touristische Trademarks fröhliche Urständ. Es könnte aber gut sein, dass die Fama der Institution Kaffeehaus einmal genauso in Rauch aufgeht wie die Legende, Arnold Schönberg sei zur Dodekaphonie durch die Farbkarte mit - eben - zwölf nummerierten Brauntönen inspiriert worden, mit deren Hilfe der Ober eines Wiener Cafés den Gästen das Getränk in der gewünschten Mischung serviert haben soll.

Anton Kuh entzaubert die Kaffeehaus-Mythologie 1933 in der "Süddeutschen Sonntagspost" harsch, insbesondere die Illusion des Gasts, dass "seine Individualität hier restlose und diensteifrige Beachtung fände":

"Fünf Männer nehmen am Kaffeehaustisch Platz.

,Eine Melange mehr licht!‘ sagt der erste, frei nach Goethe, zum Ober.

Der zweite: ,Einen Kapuziner!‘

Der dritte: ,Eine Schale Gold ohne!‘ (Ergänze: Haut.)

Der vierte: ,Einen Nuß mit!‘

Und der fünfte: ,Ein Kaffee verkehrt!‘

Der Kellner gibt die Aufträge dröhnend durchs Küchenfenster weiter: ,Fünf Lauf!‘ (Summarische Bezeichnung für Milchkaffee.)"