Das chinesische Denken geht davon aus, dass die prozessuale Wirklichkeit einer Regulierung bedarf, die einen harmonischen Zustand der Welt gewährleisten soll. Eine wichtige Rolle spielt auch die Korrelation. Die Landschaft wird nicht mit einem Begriff bezeichnet, sondern es heißt "Berg und Wasser". Der Satz "Was ist dieses Ding?" bedeutet wörtlich "Was ist dieses Ost-West?". Der vereinheitlichende, abstrahierende Begriff "Ding" wird als Beziehung gedacht, als Spannung, die zu einer Harmonie führen soll. Besonders fasziniert Jullien der chinesische Weise - der Gegenspieler des europäischen Philosophen. Der Weise staunt nicht über die Beschaffenheit der Dinge und hütet sich vor Ideen oder Ideologien, die das Denken einengen.

"Der Weise, der über einen offenen Geist verfügt", schreibt Guo Xiang, der Philosoph und Kommentator daoistischer Schriften, "erstarrt nicht auf einer Seite". Der Weise kultiviert nicht sein Selbst, sondern sucht die Harmonie mit der Um- und Mitwelt. Im Gegensatz zu den Philosophen abendländischer Provenienz, die zum größten Teil dogmatische Theoriegebäude errichteten und somit eine verengte Weltsicht entfalteten, zeichnet sich der chinesische Weise durch Eigenschaften aus, die Jullien im Gespräch skizziert: "Der chinesische Weise ist jemand, der nicht diese partielle Haltung einnimmt oder ein gewisses Engagement vertritt. Denn man wird parteiisch, sobald man eine Idee vorbringt. Der chinesische Weise bringt vier Dinge zum Ausdruck, wie schon Konfuzius sagte: Er hat kein Ich, er hat keine Idee, keine Notwendigkeit und keine festgelegte Position."

Harmonie & Weisheit

Meister Zhuangzi (mit Frosch). - © Archiv
Meister Zhuangzi (mit Frosch). - © Archiv

Der Weise lehnt es auch ab, über sein Denken viele Worte zu verlieren. Im Unterschied zu europäischen Intellektuellen, die sich darin gefallen, ihre Theorien vor einem passiv verharrenden Publikum in wortgewaltigen Tiraden zu erläutern - sei es auf der Agora in Athen, sei es im "Philosophischen Quartett" -, empfahl der daoistische Weise Zhuangzi, nicht "etwas" zu sagen, sondern "nach Gutdünken"; es ist dies "ein Sprechen, ohne zu sprechen".

Diese Form des Sprechens nennt Jullien "die Allusivität, das Anspielungshafte" und vergleicht es mit Delfinen, die sich einem Boot nähern. Die Sprechweise des Allusiven unterscheidet sich deutlich von einer "Aussage über etwas" - dem "sacherfassenden Logos" -, der seit Aristoteles als ein Fundament der europäischen Vernunft gilt. Das allusive Sprechen ortet Jullien auch in der Traumdeutung Sigmund Freuds; es ist gleichsam die Sprache des Traums, die in mühsamer Arbeit enträtselt werden muss. Jullien bezieht sich in seinen Werken häufig auf den Meister Zhuangzi, den Hauptvertreter des Daoismus, der im vierten Jahrhundert vor Christus lebte. Er lehrte, ähnlich wie Konfuzius, dass der chinesische Weise weder ein Selbst noch einen Namen habe, sich also von der im westlichen Denken grundlegenden Kategorie der Identität ablöse.

Diese Auflösung des Selbst impliziert eine Art von Selbstvergessenheit, die Harmonie und schließlich Weisheit mit sich bringt. Üblicherweise ist das Subjekt in das Hamsterrad seiner egomanischen intellektuellen Tätigkeiten und Willensakte eingespannt; es plant, setzt sich ein Ziel und wählt Strategien aus, um das Ziel zu erreichen. Erfolgt die Loslösung von der Selbstbezogenheit, setzt das Subjekt den ersten Schritt, sein Korsett abzustreifen und sich zu öffnen.