Das Loslassen des Subjekts bezeichnet Jullien als ein fließendes, unablässiges, nicht eingeengtes Erfassen, ein "Erfassen durch Loslassen", das nicht zielgerichtet ist. "Der Geist richtet sich auf, ist gespannt auf, aber auf nichts Bestimmtes". Jullien spricht von der Aufnahmebereitschaft, der Disponibilität des Subjekts, die eine "Offenständigkeit", einen "Bereich des Zwischen" eröffnet, der in der europäischen Philosophie kaum thematisiert wurde, bestenfalls von dem italienischen Philosophen Gianni Vattimo, der für die Ablösung des "starken Subjekts" als Motor der menschlichen Aktivitäten plädierte. Das "starke Subjekt" verliert seinen Status als unumschränkter Monarch und wird zu einem "schwachen Ich", das, im Sinne von Konfuzius, zu dem neigt, was die Situation erfordert. Diese Transformation ist nicht spektakulär, sondern "eine stille Verwandlung". "Sie folgt ihrem Lauf", konstatierte der Philosoph Menzius, "wie das Wasser eines Bachs seinen Lauf findet". Und eben dieses permanente Strömen trägt dazu bei, "das Leben aus seiner Erstarrung hervorzuholen und wiederzuerwecken".

"Blinder Fleck"

Diese Wiederbelebung des Erstarrten findet laut Jullien ihre Entsprechung in der Psychoanalyse Sigmund Freuds, in der ebenfalls versucht wird, eine "stille Verwandlung" des Analysanden in einem meist langwierigen Prozess herbeizuführen. Hier hilft kein Königsweg der rationalen Vorgangsweise, sondern nur der Weg des Beiläufigen, des Umwegigen und des Allusiven, der viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die zentrale Position, die das "schwache Subjekt" im chinesischen Denken einnimmt, hat einen entscheidenden Nachteil, der auf dem Gebiet des Politischen zu beobachten ist. Jullien, der keineswegs das chinesische Denken verklärt, bezeichnet diesen Nachteil im Gespräch als den "blinden Fleck", der seit Jahrtausenden das Verhältnis von Intellektuellen/Weisen und den Herrschenden bestimmt:

"In der Politik muss man sich engagieren. Das ist etwas, was wir von den Griechen gelernt haben. Das chinesische Denken - mit seiner Offenheit gegenüber verschiedenen Positionen - hat dazu geführt, dass es in China kaum Intellektuelle gibt, die sich für bestimmte Anliegen einsetzten oder die Herrschenden kritisierten, sondern der Typus des Weisen trat fast ausnahmslos im Schatten des jeweiligen Fürsten auf, und das ist der Grund, warum es in China keine Demokratie gab und gibt".

Im Gespräch weist Jullien noch ausdrücklich darauf hin, dass er sich seit einiger Zeit einem zweiten Teil seiner philosophischen Arbeit widme. Das bedeute nicht, dass er sich vom chinesischen Denken verabschiedet habe; er beschäftige sich mit klassischen philosophischen Themen wie der Innerlichkeit oder der Existenz. Ein weiteres Thema ist die kulturelle Identität, die zurzeit Konjunktur hat.

Jullien lehnt die Vorstellung von in sich geschlossenen kulturellen Identitäten ab. Er geht vielmehr von Abständen, von Zwischenräumen zwischen Kulturen aus. Diese Abstände ermöglichten auch, dass die jeweiligen Ressourcen der Kulturen besser wahrgenommen werden könnten. So entstünden Gemeinsamkeiten, die nicht gleichförmig seien; denn "allein das Gemeinsame ist produktiv".