Die Erkundung des chinesischen Denkens, das einen Gegenpol zur abendländischen Philosophie darstellt, trägt dazu bei, die europäische Tradition zu hinterfragen - so lautet die Grundthese des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien. Sein Band "Der Umweg über China" etwa nimmt seinen Ausgangspunkt im antiken Griechenland und führt zu chinesischen Weisen wie Konfuzius, Laozi oder Zhuangzi.

Der Ortswechsel erfolgt nicht aufgrund einer Vorliebe für das chinesische Denken, wie Jullien in einem längeren Gespräch mit der "Wiener Zeitung" betont, das in der Französischen Botschaft in Wien stattfand: "Mein Umweg über China hat nichts mit einer Sehnsucht nach Exotik zu tun. Ich habe mich China zugewandt, um einen Abstand vom europäischen Denken zu bekommen. Dieser Abstand sollte mich befähigen, an einer Dissidenz des Denkens zu arbeiten; eine Dekonstruktion von außen zu betreiben". In seinen Arbeiten über chinesisches Denken und europäische Philosophie geht es Jullien darum, "Intelligibilitäten, Denkmöglichkeiten, aufeinander reagieren zu lassen": "Worum es eigentlich geht, ist, dass man nicht chinesisches und europäisches Denken als Schwarz-Weiß-Malerei gegenüberstellt, sondern darum, dass beide Traditionen unterschiedliche Denkweisen weiter entwickelt haben".

Kein Seinsbegriff

Der 1951 in Embrun im französischem Département Hautes-Alpes geborene François Jullien studierte Philosophie an der École Normale Supérieure in Paris, wo Jacques Derrida und Jacques Lacan Vorlesungen und Seminare abhielten. Danach studierte er Sinologie an den Universitäten von Peking und Shanghai. Die Motivation für dieses Studium fand Jullien beim französischen Mathematiker, Literaten und Philosophen Blaise Pascal (1623-1662): "Man sagt, China verwirre den Verstand", so heißt es in Pascals "Gedanken", "doch gibt es Klarheit dort zu finden, suchen Sie danach!" Die Suche war erfolgreich. Nach seiner Rückkehr publizierte Jullien zahlreiche Bücher über das chinesische Denken und die europäische Philosophie.

Von 1995 bis 1998 war er Präsident des Collège International de Philosophie in Paris. Seit 1990 lehrt er klassische chinesische Philosophie und Ästhetik an der Universität Paris VII und arbeitet in der Fondation Maison des Sciences de l’Homme in Paris. Daneben fungiert er als Wirtschaftsberater für französische Unternehmen, die Projekte in China durchführen.

Das chinesische Denken ist für Jullien der Schauplatz einer "Heterotopie" - ein Ort des ganz Anderen. Bewusst wählte er die chinesische Kultur. Andere außereuropäische Philosophien waren ihm zu eng mit der griechisch-abendländischen Tradition verbunden; die indische Philosophie durch den gemeinsamen indoeuropäischen Sprachraum; die arabische und hebräische Welt dank der gemeinsamen Geschichte. Es blieb das chinesische Denken, dessen zentrale Konzepte und Begriffe Jullien in seinen Büchern beschreibt. Es ist anti-metaphysisch, kennt keinen Seinsbegriff, kein Ding an sich, keinen absoluten Geist; auch eine Gottesidee ist ihm fremd. Die Welt hat weder Anfang noch Ende und wandelt sich nach immanenten Gesetzen, die im Rahmen eines Prozesses ("Dao") erfolgen. Wesentliche Begriffe sind "Weisheit", "Weg", "Immanenz", "Disponibilität", "Zuverlässigkeit" oder "Zwischen" - Begriffe, die in der europäischen Philosophie kaum eine Rolle spielen oder negativ besetzt sind wie etwa "das Schräge" oder "das Fade". Das "Fade", "das Geschmacklose", über das Jullien ein eigenes Werk verfasste, ist im Daoismus und im Konfuzianismus sogar ein zentrales Thema.

Das chinesische Denken geht davon aus, dass die prozessuale Wirklichkeit einer Regulierung bedarf, die einen harmonischen Zustand der Welt gewährleisten soll. Eine wichtige Rolle spielt auch die Korrelation. Die Landschaft wird nicht mit einem Begriff bezeichnet, sondern es heißt "Berg und Wasser". Der Satz "Was ist dieses Ding?" bedeutet wörtlich "Was ist dieses Ost-West?". Der vereinheitlichende, abstrahierende Begriff "Ding" wird als Beziehung gedacht, als Spannung, die zu einer Harmonie führen soll. Besonders fasziniert Jullien der chinesische Weise - der Gegenspieler des europäischen Philosophen. Der Weise staunt nicht über die Beschaffenheit der Dinge und hütet sich vor Ideen oder Ideologien, die das Denken einengen.

"Der Weise, der über einen offenen Geist verfügt", schreibt Guo Xiang, der Philosoph und Kommentator daoistischer Schriften, "erstarrt nicht auf einer Seite". Der Weise kultiviert nicht sein Selbst, sondern sucht die Harmonie mit der Um- und Mitwelt. Im Gegensatz zu den Philosophen abendländischer Provenienz, die zum größten Teil dogmatische Theoriegebäude errichteten und somit eine verengte Weltsicht entfalteten, zeichnet sich der chinesische Weise durch Eigenschaften aus, die Jullien im Gespräch skizziert: "Der chinesische Weise ist jemand, der nicht diese partielle Haltung einnimmt oder ein gewisses Engagement vertritt. Denn man wird parteiisch, sobald man eine Idee vorbringt. Der chinesische Weise bringt vier Dinge zum Ausdruck, wie schon Konfuzius sagte: Er hat kein Ich, er hat keine Idee, keine Notwendigkeit und keine festgelegte Position."

Harmonie & Weisheit

Meister Zhuangzi (mit Frosch). - © Archiv
Meister Zhuangzi (mit Frosch). - © Archiv

Der Weise lehnt es auch ab, über sein Denken viele Worte zu verlieren. Im Unterschied zu europäischen Intellektuellen, die sich darin gefallen, ihre Theorien vor einem passiv verharrenden Publikum in wortgewaltigen Tiraden zu erläutern - sei es auf der Agora in Athen, sei es im "Philosophischen Quartett" -, empfahl der daoistische Weise Zhuangzi, nicht "etwas" zu sagen, sondern "nach Gutdünken"; es ist dies "ein Sprechen, ohne zu sprechen".

Diese Form des Sprechens nennt Jullien "die Allusivität, das Anspielungshafte" und vergleicht es mit Delfinen, die sich einem Boot nähern. Die Sprechweise des Allusiven unterscheidet sich deutlich von einer "Aussage über etwas" - dem "sacherfassenden Logos" -, der seit Aristoteles als ein Fundament der europäischen Vernunft gilt. Das allusive Sprechen ortet Jullien auch in der Traumdeutung Sigmund Freuds; es ist gleichsam die Sprache des Traums, die in mühsamer Arbeit enträtselt werden muss. Jullien bezieht sich in seinen Werken häufig auf den Meister Zhuangzi, den Hauptvertreter des Daoismus, der im vierten Jahrhundert vor Christus lebte. Er lehrte, ähnlich wie Konfuzius, dass der chinesische Weise weder ein Selbst noch einen Namen habe, sich also von der im westlichen Denken grundlegenden Kategorie der Identität ablöse.

Diese Auflösung des Selbst impliziert eine Art von Selbstvergessenheit, die Harmonie und schließlich Weisheit mit sich bringt. Üblicherweise ist das Subjekt in das Hamsterrad seiner egomanischen intellektuellen Tätigkeiten und Willensakte eingespannt; es plant, setzt sich ein Ziel und wählt Strategien aus, um das Ziel zu erreichen. Erfolgt die Loslösung von der Selbstbezogenheit, setzt das Subjekt den ersten Schritt, sein Korsett abzustreifen und sich zu öffnen.

Das Loslassen des Subjekts bezeichnet Jullien als ein fließendes, unablässiges, nicht eingeengtes Erfassen, ein "Erfassen durch Loslassen", das nicht zielgerichtet ist. "Der Geist richtet sich auf, ist gespannt auf, aber auf nichts Bestimmtes". Jullien spricht von der Aufnahmebereitschaft, der Disponibilität des Subjekts, die eine "Offenständigkeit", einen "Bereich des Zwischen" eröffnet, der in der europäischen Philosophie kaum thematisiert wurde, bestenfalls von dem italienischen Philosophen Gianni Vattimo, der für die Ablösung des "starken Subjekts" als Motor der menschlichen Aktivitäten plädierte. Das "starke Subjekt" verliert seinen Status als unumschränkter Monarch und wird zu einem "schwachen Ich", das, im Sinne von Konfuzius, zu dem neigt, was die Situation erfordert. Diese Transformation ist nicht spektakulär, sondern "eine stille Verwandlung". "Sie folgt ihrem Lauf", konstatierte der Philosoph Menzius, "wie das Wasser eines Bachs seinen Lauf findet". Und eben dieses permanente Strömen trägt dazu bei, "das Leben aus seiner Erstarrung hervorzuholen und wiederzuerwecken".

"Blinder Fleck"

Diese Wiederbelebung des Erstarrten findet laut Jullien ihre Entsprechung in der Psychoanalyse Sigmund Freuds, in der ebenfalls versucht wird, eine "stille Verwandlung" des Analysanden in einem meist langwierigen Prozess herbeizuführen. Hier hilft kein Königsweg der rationalen Vorgangsweise, sondern nur der Weg des Beiläufigen, des Umwegigen und des Allusiven, der viel Zeit in Anspruch nimmt.

Die zentrale Position, die das "schwache Subjekt" im chinesischen Denken einnimmt, hat einen entscheidenden Nachteil, der auf dem Gebiet des Politischen zu beobachten ist. Jullien, der keineswegs das chinesische Denken verklärt, bezeichnet diesen Nachteil im Gespräch als den "blinden Fleck", der seit Jahrtausenden das Verhältnis von Intellektuellen/Weisen und den Herrschenden bestimmt:

"In der Politik muss man sich engagieren. Das ist etwas, was wir von den Griechen gelernt haben. Das chinesische Denken - mit seiner Offenheit gegenüber verschiedenen Positionen - hat dazu geführt, dass es in China kaum Intellektuelle gibt, die sich für bestimmte Anliegen einsetzten oder die Herrschenden kritisierten, sondern der Typus des Weisen trat fast ausnahmslos im Schatten des jeweiligen Fürsten auf, und das ist der Grund, warum es in China keine Demokratie gab und gibt".

Im Gespräch weist Jullien noch ausdrücklich darauf hin, dass er sich seit einiger Zeit einem zweiten Teil seiner philosophischen Arbeit widme. Das bedeute nicht, dass er sich vom chinesischen Denken verabschiedet habe; er beschäftige sich mit klassischen philosophischen Themen wie der Innerlichkeit oder der Existenz. Ein weiteres Thema ist die kulturelle Identität, die zurzeit Konjunktur hat.

Jullien lehnt die Vorstellung von in sich geschlossenen kulturellen Identitäten ab. Er geht vielmehr von Abständen, von Zwischenräumen zwischen Kulturen aus. Diese Abstände ermöglichten auch, dass die jeweiligen Ressourcen der Kulturen besser wahrgenommen werden könnten. So entstünden Gemeinsamkeiten, die nicht gleichförmig seien; denn "allein das Gemeinsame ist produktiv".