Die Diskussion über sie ist nüchterner und historischer geworden. Rosa Luxemburg (1871-1919) hat einst heftig bewegt, ihr Leben und Werk haben provoziert, sehr unterschiedliche Reaktionen ausgelöst, sie wurde gehasst, sie wurde als Galionsfigur genutzt, und sie war eine der bekanntesten und gleichzeitig umstrittensten Gestalten der deutschen und europäischen Linken. Sie war Projektionsfläche für progressive Sehnsüchte, für den Glauben an die revolutionären Fähigkeiten der Massen und die moralische Integrität der Führer. Rosa Luxemburg lieferte Erinnerungsbilder an die Zeiten, als die kommunistischen Bewegungen noch Stärke zeigten.

Groß im Scheitern

Noch immer sucht ein Teil der Linken (wie etwa die Autoren Antonio Negri und Michael Hardt) in ihren Werken nach Rat, schätzt vor allem ihre Imperialismustheorie, die als eine Art Befreiungstheologie für die Dritte Welt rezipiert wird. Aber auch da mischt sich Sperriges aus ihrem Erbe hinein, denn die Revolutionen heute haben meist separatistische Einfärbungen, und die Internationalistin Luxemburg war immer eine Verächterin nationaler Befreiungsbewegungen.

Wie viele vor und nach ihr hat die deutsche Filmerin Margarethe von Trotta einen biographischen Zugang gewählt. Sie hat 1986 einen preisgekrönten Film über die Revolutionärin herausgebracht: "Rosa Luxemburg" schildert ein Leben, das von seinem furchtbaren Tod her Pathos und Gloriole erhält. Luxemburg wird darin zu einer übergroßen Persönlichkeit mit wütender Energie stilisiert, die immer tiefer und grundsätzlicher in die Konfrontation mit dem Bestehenden gerät, das sie schließlich verschlingt. Gerade das - lebenslange - Scheitern macht sie groß.

In der 1968er-Bewegung wurde sie bzw. ihr Bild zu einer Ikone der "Neuen Linken", die auf sie auch als Kronzeugin der Kritik am erstarrten Sowjetkommunismus zurückgriff. Ihr Spruch "Freiheit ist immer nur Freiheit des Andersdenkenden" wurde und wird immer gern zitiert. In ihren - erst nach ihrem Tod publizierten - Anmerkungen zur Russischen Revolution standen Sätze, die den Leninismus attackierten: "Ohne Wahlen, ungehemmte Presse- und Versammlungsfreiheit, freien Meinungskampf erstirbt das Leben in jeder öffentlichen Institution, wird zum Scheinleben, in dem die Bürokratie allein das tätige Element bleibt."

Lange Zeit war ihr Vermächtnis ein Streitpunkt im Ost-West-Konflikt, und die Auseinandersetzungen rund um sie (und um die Edition ihrer Arbeiten) bildeten eine Begleitmusik zur Kritik an der DDR. Wolf Biermann sang 1976, um Honecker zu schmähen: "Die DDR braucht endlich und wie/ Rosas rote Demokratie." In die traditionellen Rosa-Luxemburg-Feiern in Ost-Berlin mischten sich Dissidenten.