Begabte Rednerin: Rosa Luxemburg auf dem 2. Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart, 1907. - © ullstein bild
Begabte Rednerin: Rosa Luxemburg auf dem 2. Internationalen Sozialistenkongress in Stuttgart, 1907. - © ullstein bild

Gleichermaßen unangenehm war die Erinnerung an sie im Westen, denn Rosa Luxemburg war eine der Gründerinnen der Kommunistischen Partei Deutschlands. Bereits zu Lebzeiten wurde sie von der konservativen und liberalen Presse als "blutige Rosa" dargestellt. Als sich 1962 Waldemar Pabst, der Kommandant der Luxemburg-Mörder, öffentlich als Täter bekannte, wurde er von der Bonner Regierung wegen "Übereinstimmung mit den Kriegsgesetzen" nicht weiter belangt.

Blutiger Stachel in SPD

Auch die SPD konnte sich gegen diese Interpretation nur begrenzt aufregen, denn die Erinnerung an Luxemburgs Liquidierung blieb ein blutiger Stachel in der stolzen Geschichte der deutschen Sozialdemokratie. Die Frage, ob der spätere Reichspräsident Friedrich Ebert und sein Heeresminister Gustav Noske ("einer muss der Bluthund sein") die vorsätzliche Tötung beauftragt oder im Nachhinein gebilligt oder gar nichts gewusst und den Mord in keinem Fall gewollt hatten, ist nach wie vor nicht geklärt - und lässt sich wahrscheinlich niemals klären.

Hundert Jahre ist es nun her, seit am 15. Jänner 1919 in Berlin Mörder in Uniform Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht zuerst verhafteten, dann bestialisch traktierten und schließlich erschossen. Rosa Luxemburgs Leiche wurde in den Landwehrkanal geworfen, wo man sie erst am 31. Mai 1919 bei einer Schleuse fand.

Die Deutsche Revolution war durch den Doppelmord fundamental beschädigt. Die Sozialdemokraten hatten die Hohenzollern verjagt, die Republik proklamiert, Wahlen zur Nationalversammlung ausgerufen, aber es war ihr, trotz anfänglicher Koali-tion zwischen SPD und USPD (Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands), nicht gelungen, Einigkeit herzustellen. Die Regierung fürchtete sich vor den Leuten, die sie an die Spitze des Staates gehievt hatten, und war unfähig, Konflikte zu entschärfen. Die Rätebewegung blieb ihr suspekt; geplagt von paranoider Bolschewismus-Furcht, ging sie ein verheerendes Bündnis mit den alten Armeespitzen (Ebert-Groner-Pakt) ein.

Offener Krieg

Als während jener verworrenen Tage und Wochen die Spartakisten rund um Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg in Berlin die deutsche Revolution mit Massenaktionen weitertreiben wollten und das Zeitungsviertel besetzten, wusste sich die Regierung in ihrem Ordnungseifer nicht anders zu helfen, als Soldaten in einen als Krieg deklarierten Kampf zu schicken, in dem es keine Spielräume für Verhandlungen gab, sondern nur mehr der Sieg zählte.

Schwere Artillerie kam zum Einsatz, die Garde-Kavallerie-Schützen-Division begann mit Fememorden ihr Unwesen zu treiben. Justiz und Bürokratie spielten mit, Anklagen, gerichtliche Verfolgungen und Verurteilungen blieben aus oder endeten mit Bagatellstrafen. Die Mörder der extremen Rechten begannen zuerst mit den Führern der Linken, töteten später auch liberale und katholische Minister (Walther Rathenau, Matthias Erzberger).

Mit dem Doppelmord war die deutsche Arbeiterbewegung, die mächtigste sozialdemokratische Partei Europas, endgültig gespalten. Über den Gräbern wurden aus den Genossen von einst Todfeinde, was nicht nur in Österreich mit Entsetzen verfolgt wurde. Die österreichische Sozialdemokratie wollte keine deutschen Verhältnisse und tat alles, um trotz aller Konflikte die Stabilität im Land zu erhalten. Eine republikanische Volkswehr entstand aus der Rätebewegung, ein Bündnis mit ehemaligen Heeresteilen kam für sie nicht in Frage.