Bei aller Kritik an Liebknecht und Luxemburg und ihren "Illusionen" wurden sie in Wien als große Vorkämpfer des Sozialismus verehrt. Max Adler sagte bei einer Gedenkfeier: "Ein Feuerstrom von Licht und Kraft ist erloschen, ein Glutherd revolutionären Empfindens erkaltet, mahnende Stimmen des sozialistischen Gewissens verstummt. Dankbarkeit und Verehrung des Proletariats wird stets die Kritik an ihrem Wirken überragen." In der Wohnanlage Sandleiten in Wien-Ottakring wurde zehn Jahr später eine zentrale Verbindungsstraße nach Rosa Luxemburg benannt.

Rosa Luxemburg stammte aus Polen, wuchs dort auf, wurde in vielfacher Weise durch ihre Herkunft geprägt - und war dem Land ein Leben lang verbunden. Weil im heutigen Polen ihr sozialistischer Internationalismus nicht zum gängigen Patriotismus passt, erinnert kein Museum in ihrem Geburtsland an sie. Die Gedenktafel an ihrem (vermeintlichen) Geburtshaus im malerischen Zamość, 250 Kilometer südöstlich von Warschau, wurde 2018 abmontiert. Die in der Kleinstadt 1871 geborene Rozalia entstammte einer einigermaßen wohlhabenden jüdischen Familie.

Der Großvater arbeitete sich im Holzhandel als erfolgreicher Geschäftsmann empor. In der Familie wurde Polnisch, Russisch, Deutsch und Jiddisch gesprochen, die Ideale der Haskala, der jüdischen Aufklärung, wurden hochgehalten. Während ihr der Internationalismus von der Familie früh vertraut war, lernte sie gleichzeitig die Unterdrückung hautnah kennen: als Polin im russisch besetzten Land, als Jüdin unter antisemitischen Polen, als Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft, als leicht Gehbehinderte unter spöttischen Mitschülern. Noch im Gymnasium in Warschau, wohin die Familie umgezogen war, schloss sie sich in ihrem Oppositionsgeist dem revolutionären Zirkel "Proletariat" an.

Siebzehnjährig musste sie ins Ausland fliehen, um zaristischer Verfolgung zu entgehen. In der Schweiz war damals bereits ein Frauenstudium möglich, so absolvierte sie in Zürich mit Bravour ein Studium der Nationalökonomie und Rechtswissenschaften. Die Schweiz war damals Exilland, hier traf sie deutsche Genossen, die vor dem Bismarckschen Sozialistengesetz geflohen waren, hier konnte sie Kontakt mit emigrierten Russen aufnehmen, hier schrieb sie in der in Zürich gedruckten polnischen Arbeiterpresse mit, die über die Grenzen geschmuggelt wurde. 1893 war sie mit dabei, als in Konkurrenz zu einer bereits bestehenden nationalistischen polnischen Sozialdemokratie eine internationalistische "Sozialdemokratische Arbeiterpartei des Königreichs Polen" gegründet wurde.

Auch wenn das Deutsche Reich und die mächtige SPD zu ihrer Wahlheimat wurden, blieb Rosa Polen durch viele Kontakte weiterhin verbunden. Als 1905 eine Revolution das Zarenreich durchschüttelte, litt es Luxemburg nicht mehr länger im "faulen Westen", sie ging nach Warschau, arbeitete dort in einem Katz- und Mausspiel für die revolutionäre Untergrundpresse und erlebte spontan aufflammende Streiks.

Nach einigen Monaten wurde sie gefasst, ins Gefängnis geworfen, kam wegen mangelnder Schuldbeweise aber wieder frei. In Finnland verarbeitete sie ihre Erfahrungen in Warschau ("die glücklichste Zeit meines Lebens") zu einer neuen Theorie. Die Masse war nach ihrem Denken revolutionär, nicht die Parteien mit ihren zaudernden Führern; spontane Massenstreiks forderten mit ihren fiebrigen Leidenschaften den autoritären Staat viel elementarer heraus als Reformarbeit und solide, zentral gesteuerte Organisation. Klar, dass diese Theorie der sich verbal revolutionär gebenden SPD nicht mundete. Luxemburg spottete über sie: "Die Revolution ist groß und stark, wenn sie die Sozialdemokratie nicht kaputt macht."