Polemisch & schlagfertig

Rosa Luxemberg war 23 Jahre alt, als sie beim Kongress der Sozialistischen Internationale 1893 mit ihrem Auftritt erstmals Aufsehen erregte. Ihre Schlagfertigkeit beeindruckte in der Folge immer, schnell wurde sie zu einer der beliebtesten Rednerinnen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie, auch deshalb, weil sie die Polemik perfekt beherrschte. Rosa Luxemburg besaß, wie sie sagte, genug Temperament, um eine Prärie in Brand zu stecken.

Leidenschaftlich stürzte sie sich als Politikerin und Redakteurin in viele Debatten, schonte aber auch ihre Mentoren nicht. Ihr großes Thema fand sie schließlich im deutschen Militarismus, gegen den sie mit Vehemenz und Konsequenz Stellung bezog. Als die Behörden und schließlich sogar der Kriegsminister Prozesse wegen "Widerstand gegen die Staatsgewalt" anstrengten, drehte sie diese effektvoll zu politischen Anklagen um. Ihr großes theoretisches Potential spielte sie in mehreren Publikationen (darunter "Akkumulation des Kapitals", 1913) aus, die im Anschluss an Marx zu den bedeutendsten Schriften des Sozialismus zählten und ihr das Lehramt der Nationalökonomie an der Berliner Arbeiterhochschule eintrugen.

1914 trat das, was Luxemburg in Albträumen ahnte, aber so vielen unglaublich schien, ein: Europa stürzte sich zerstörerisch in einem Völkerkrieg, und die sozialistischen Parteien, die noch in der Julikrise in den Sitzungen der Internationale mit einem Aufstand gedroht hatten, schauten zu oder applaudierten gar. Die große Deutsche Sozialdemokratische Partei, die im Reichstag durch Jahre hindurch den Pazifismus beschworen hatte, stimmte den Kriegskrediten zu; auch die Gewerkschaften schlossen Burgfrieden mit der kaiserlichen Regierung.

Luxemburg war darob zerstört, dachte an Selbstmord, überwand ihre Depression, indem sie Verbündete suchte, um die Massenstimmung umzudrehen und die Öffentlichkeit über die wahren Urheber und Ursachen des Krieges aufzuklären. Sie landete im Gefängnis, wo sie ein flammendes Pamphlet schrieb, das unter dem Pseudonym "Junius" erschien und schnell berühmt wurde: "Die Krise der Sozialdemokratie".

Mit Karl Liebknecht begründete sie den "Spartakusbund"; gemeinsam versuchten sie, für den 1. Mai 1916 eine Demonstration zu organisieren. Motto: "Nieder mit dem Krieg!" Liebknecht wanderte sofort ins Gefängnis, Luxemburg wurde ein paar Wochen später wiederum in Schutzhaft genommen. Dort blieb sie ohne Anklage, ohne Prozess bis zum Oktober 1918. Stolz und ungebrochen betrat sie im November 1918 wieder die politische Arena, gewillt, die Gesellschaft zu ändern, die so einen Krieg, so viel Leid, Millionen Tote und Verletzte verursacht und hingenommen hatte.