Die vielen Monate, die Rosa Luxemburg in den unterschiedlichsten Phasen ihres Lebens im Gefängnis verbringen musste, ließen ihre Überzeugungen nicht schmelzen; ganz im Gegenteil. Armut und Einschränkung nahm sie hin. In ihren Briefen aus der Haft fand sich selten eine Klage. Mit Souveränität und Furchtlosigkeit setzte sie sich über alle Zumutungen hinweg: "Wie herrlich ist die Zeit, in der wir leben. Herrlich eine Zeit, die massenhaft Probleme und gewaltige Probleme aufwirft, die Gedanken anspornt, ‚Kritik, Ironie und tiefre Bedeutung‘ anregt, Leidenschaften aufpeitscht", schrieb sie 1906, als sie gerade einer möglichen Exekution entkommen war. Noch als sie das nahe Ende fühlte, bewahrte sie sich - unkorrumpierbar - eine radikale geistige Freiheit. In ihrer letzten Veröffentlichung vor ihrer Ermordung hielt sie ihren Verfolgern entgegen: "Ich war, ich bin, ich werde sein!"

Wer sich mit Luxemburgs Persönlichkeit näher beschäftigt, findet eine große Liebende, die in ihrer Beziehung mit dem Berufsrevolutinär Leo Jogiches ihr Recht auf Glück und Sexualität unkonventionell behauptete, stößt auf einen kreativen Charakter mit vielen Talenten. Bei den Kongressen der Sozialistischen Internationale glänzte sie als Sprachentalent, ihr Auditorium verblüffte sie wiederholt durch intensive Kenntnisse von Goethes "Faust", während sie im Gefängnis Maxim Korolenkos Selbstbiographie aus dem Russischen übersetzte und sich als Malerin erprobte.

Naturbeobachtungen

Ihre Begabung für intensive Freundschaften hat der Nachwelt eine große Zahl von Korrespondenzen beschert, die zum Besten in der Geschichte des Briefes zählen und einen Fixplatz in einschlägigen literarischen Anthologien besitzen. Ihre eindringlichen Naturbeobachtungen und einfühlsamen Tierschilderungen in dieser Post, ihre Pflanzen-Sammelhefte weisen sie als begeisterte Biologin (Spezialfach Botanik) aus. An ihre Freundin Luise Kautsky schrieb sie aus der Haft, dass sie nur "aus Versehen im Strudel der Weltgeschichte herumkreisle, eigentlich aber zum Gänsehüten geboren" sei.

Wie ihr Biograph Peter Nettl schon 1965 festgestellt hat, reichte Rosa Luxemburgs Einfluss über den Umkreis des Marxismus hinaus. Hannah Arendt nahm bei ihrer Untersuchung über die Freiheit an Rosa Luxemburg Maß. Und der untrügliche Karl Kraus fühlte sich in seinem biblischen Hass auf den Krieg in ihr, dem "edlen Opfer", wieder erkannt. Einer Gesellschaft, die sich die Zerstörungen des Ersten Weltkrieges zugemutet hatte, war mit Reform und Appellen nicht beizukommen. Nur mit Fundamentalangriff. Als eine Innsbrucker Adelige den Abdruck eines Luxemburg-Briefes in der "Fackel" kritisierte und ihn spöttisch über ihren wahren Charakter "aufklären" wollte, griff Kraus zur literarischen Axt: Der Teufel hole seine Praxis, aber Gott erhalte uns den Kommunismus als konstante Drohung, "damit dieses Gesindel, das schon nicht mehr ein und aus weiß vor Frechheit, nicht noch frecher werde".