Zur Zeit des Merkantilismus versuchten die Herrscher von teuren Importen unabhängig zu werden. So kam es, dass ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Österreich und in großen Teilen Mitteleuropas ein Wirtschaftszweig, der heute fast vollständig verschwunden ist, eine bedeutende Rolle spielte: die Seidengewinnungs- und Seidenverarbeitungsindustrie. Alleine im Raum Wien waren in den 1810er Jahren über 10.000 Menschen in diesem Wirtschaftszweig beschäftigt. Die Seidengasse in Wien-Neubau erinnert noch heute daran.

Weißer Maulbeerbaum (Morus alba). Aus: "Flora de Filipinas". - © Hlavac
Weißer Maulbeerbaum (Morus alba). Aus: "Flora de Filipinas". - © Hlavac

Die Nationalisierung der Seidengewinnung ist auch in anderen Ländern nachzuweisen. So intensivierte etwa der preußische König Friedrich Wilhelm II. (1744-1797) die Kultivierung von weißen Maulbeerbäumen im Raum Berlin-Potsdam. Alleine in Preußen gab es damals rund drei Millionen Maulbeerbäume. Auch der österreichische Kaiser Franz I. (1768-1835) zeigte starkes Interesse am Anbau dieser Baumart.

Reich der Seide

Der Gutsbesitzer und Seidenraupenzüchter Franz von Heintl berichtet über das mehrfach nachzuweisende kaiserliche Engagement. In der Einleitung seines 1829 erschienenen Buches "Unterricht im Seidenbaue", die einer Huldigung des Kaisers gleichkommt, heißt es: "Seitdem durch die Weisheit unsers allergnädigsten Kaisers und Herrn, Franz I. die italienischen Erbstaaten in den österreichischen Staatenverein aufgenommen wurden, ist der österreichische Kaiserstaat das Reich der Seide, (wie man einst China nannte) geworden."

Für den österreichischen Raum spielte Karl Ludwig Reichenbach eine zentrale Rolle: Er versuchte ab 1835 in den Herrschaften Blansko (Mähren), Nisko (Galizien), Reidling und Gutenbrunn (beide Niederösterreich) sowie am Himmel (Sievering) und am Reisenberg (Grinzing) die Seidenraupenzucht im großen Maßstab einzuführen. Seine "Maulbeerbaumschule" am Reisenberg, für die er Bäume aus Deutschland und Ita-lien bezog, umfasste 1838 etwas über 200.000, größtenteils junge Bäume. Er hatte rund sechs Hek-tar seines Besitzes - auch in Form einer Allee nach Sievering - mit Maulbeerbäumen bepflanzen lassen. Sein Zuchtprojekt scheiterte jedoch am Ausbruch einer Seidenraupenkrankheit, die Mitte des 19. Jahrhunderts innerhalb relativ kurzer Zeit das Interesse am Erhalt der Maulbeerbäume in ganz Europa dramatisch reduzierte. Sie ist mitverantwortlich für die heutige Bedeutungslosigkeit der Seidengewinnung und der Maulbeerbaumkultur in Österreich.

Spuren in Wien

In Wien haben sich zwei sichtbare Spuren von Reichenbach erhalten: Einerseits existiert in Favoriten seit 1911 die nach ihm benannte Reichenbachgasse. Andererseits steht in der Josefstadt der Isisbrunnen, der im Mai 1834 als monumentaler gusseiserner Auslaufbrunnen am Albertplatz aufgestellt wurde. Nicht nur das Becken, sondern auch die namensgebende Statue der ägyptischen Göttin Isis aus Gusseisen stammt aus der Salm’schen Gießerei in Blansko, welche zu dieser Zeit von Karl Ludwig Reichenbach geleitet wurde und Hugo Franz Altgraf zu Salm-Reifferscheidt-Raitz gehörte.