Inmitten der zauberhaften Kulisse, die einem tropischen Urlaubsidyll gleicht, reflektiert der Widerschein der Sonne in den Scheiben einer der modernen Schnellfähren. Die Katamarane verkehren mehrmals täglich zwischen der sansibarischen Hauptinsel Unguja und dem Festland. Drinnen gibt es Sessel wie in einem Flugzeug sowie eine stets von lokalen Geschäftsleuten belegte VIP-Class. Wie Fremdkörper brausen die schnittigen Schiffe zwischen den museumsreifen Flotten der Händler und Fischer hindurch, hinter denen in der Distanz die Silhouette von Stone Town auszumachen ist. Jener Ort, der die Hauptstadt des früher unabhängigen Inselstaates Sansibar ist, der etwa 200 Jahre lang Zentrum des Sklavenhandels gewesen war, und der bei guter Sicht schon vom Dach der ehemaligen deutschen Kolonialverwaltung aus wahrnehmbar ist.

Die Gassen von Stone Town sind Teil der Suaheli-Kultur. - © Tornow
Die Gassen von Stone Town sind Teil der Suaheli-Kultur. - © Tornow

Die Gewürzinsel, die auf einem Fundament aus versteinerten Korallen fußt, weckt mit ihrem Duft von Zimt, Kardamom und Nelken Abenteuerfantasien. Entlang verschlungener Gassen tänzelt Mister Farid. Ein Kulturschaffender, der sich für den Erhalt der vom Verfall bedrohten Altstadt einsetzt, und der auch ohne Frau und Kinder das Leben in vollen Zügen genießt - etwa bei einer Tasse würzigem Masala-Kaffee mit Chili, Ingwer und Kurkuma. Vom belebenden Trank gestärkt, weist er bald auf diese Schnitzerei, bald auf jenes bauliche Detail im Irrgarten hin, der sich Stone Town nennt.

Ein Rundgang, der im Schatten mittelöstlich und südasiatisch beeinflusster Architektur schließlich bis an die Tore der örtlichen Musikhochschule führt. Orientalische Rhythmen der für Sansibar zum Markenzeichen gewordenen Taarab-Musik schallen aus den geöffneten Fenstern, unterbrochen nur von den Rufen der Muezzins. Jährlich besuchen rund 200.000 Touristen vor allem aus Europa das Eiland samt seinen 50 Nachbarinseln. In ihr paradiesisches Bild passte der Eindruck eines einst florierenden Sklavenhandels lange Zeit nicht. Den beendeten die Briten offiziell 1873. "Nicht aus Nächstenliebe, sondern eher, um dem Sultan und politischen Widersachern wirtschaftlich zu schaden", sagt Issa Ziddy, der einen Universitätslehrstuhl für interkulturelle Religionswissenschaften innehat.

Militärpatrouillen

Die berechnenden Taktiken der Europäer in einem fremden Land erscheinen bis heute ebenso befremdlich wie die für hiesige Verhältnisse exotisch anmutende Hinterlassenschaft der revolutionären Regierung Sansibars. 1964 hatte die frisch gebackene Volksrepublik gerade erst Kolonialisten und arabische Ausbeuter vor die Tür gesetzt - schon ließ man sich mit den nächsten ausländischen Kräften ein.

Mit einer linken Koalitionsregierung an der Spitze erkannte Sansibar als erster Staat Afrikas die DDR an. Zur Belohnung revanchierte sich Ost-Berlin mit einem Neubaugebiet in Plattenbauweise, das bis heute an die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Stone Town grenzt. Doch bald schon ging der Volksrepublik das Geld aus, um weiterzubauen. Das bewahrte die Inselhauptstadt vor dem Abriss.

Die sogenannte Suaheli-Kultur, die Kultur der Küste, die über Jahrhunderte hinweg vom Handel und mit den Händlern entlang des Indischen Ozeans gewachsen war, stand hier vor der Auslöschung. Während die Bauarbeiten ruhten, wirkten hinter den Kulissen andere Spezialisten. Markus Wolf, Chef des ostdeutschen Auslandsnachrichtendienstes, leistete der örtlichen Staatssicherheit Starthilfe.