Der Sammellust und -wut der Habsburger ist im Wiener Weltmuseum ein eigener Saal gewidmet. - © APA/ROLAND SCHLAGER
Der Sammellust und -wut der Habsburger ist im Wiener Weltmuseum ein eigener Saal gewidmet. - © APA/ROLAND SCHLAGER

Es folgte die nächste Interpretation. Im Zuge der kolonialen Expansion hatten Forscher auch Wissen über die eroberten Regionen und die in ihnen wohnenden Menschen zusammengetragen. Nun marschierten Völkerkundler auf, beanspruchten die Deutungshoheit und erklärten, dass es l’art pour l’art in indigenen Gesellschaften nicht gäbe. Fortan wurden die außereuropäischen materiellen Hervorbringungen ethnologisiert. Sie wurden sozialen Einheiten zugeordnet, die man sich mehr oder weniger abgeschlossen dachte, und die durch eine Konstruktion von Ethnizität voneinander abgegrenzt wurden. Mittels so gewonnener ethnisch definierter Kategorien wurden die Dinge kontextualisiert und mit einem Vokabular beschrieben, das ihre Einbettung in ein religiös-rituelles und soziales Gefüge erlaubte.

So wurden die Objekte didaktisch und für jedermann verständlich aufbereitet. Das Knowhow wurde aus der Theaterwissenschaft entlehnt. Vitrinen galten als verstaubt, es wurden angemessene Umgebungen für die Requisiten entworfen, ganze Häuser und halbe Dörfer, samt Marktplätzen, Versammlungsorten und Kultstätten wurden nachgebaut. Hinter den Kulissen war Museumspädagogik das Thema. Einen Einblick in die Lebenswelten der als fremd empfundenen Gesellschaften sollte diese Bühne liefern, paradoxerweise aber bei sorgfältiger Ausklammerung aller Einflüsse und Hierarchisierungen, die sich durch die kolonialistische Durchdringung ergaben, wie aller Gegenstände aus industrieller Produktion, die inzwischen auch das Innere von Wüsten und Regenwäldern erreicht hatten.

Dann erhielt der Zeitgeist eine Aktualisierung, es gab eine Phase der sozialwissenschaftlichen Bedeutungsproduktion, in der die Begriffe "Kulturwandel" und "Akkulturation" in aller Ethnologen Munde waren, beginnend in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Plötzlich gab es auch Kunststoff in den Präsentationen und acryllackbunte Gegenstände, ebenso Produkte europäischer Provenienz wie Waschmittelverpackungen, Zigarettenschachteln oder Schnapsflaschen. Sie wurden zuerst gewinnbringend in außereuropäische Dörfer exportiert und dann von dort als Sammelgüter wieder importiert und in Museen gestellt, wo sie die Segnungen altweltlicher Zivilisation ironisierend demonstrierten. Die Kustoden nannten sich nun Kuratoren.

Fremdzuschreibungen

Das 21. Jahrhundert sieht wieder eine neue Epoche der Betrachtung, eingeläutet durch die Erkenntnisse postkolonialer Theoriebildung, die die außereuropäischen Besitztümer in den europäischen Museen als Fortschreibung kolonialistischer Machtverhältnisse bis in die Gegenwart thematisiert. Das Ethnologisieren der Gegenstände ist eher out, eine neue Wissenschaftergeneration deutet es als Konstrukt der Vorgänger. Die ethnisch definierten Etikettierungen werden als Fremdzuschreibungen ordnungssüchtiger Gelehrter in Frage gestellt.

Wie bei jedem bisherigen Perspektivenwechsel hat sich die Kategorie geändert, der die Gegenstände zugeschrieben werden. Nun lautet das Thema Beutekunst, Raubobjekt, Hehlergut. Hinter jedem Ding im Depot steht ein Fragezeichen. Wurde es rechtmäßig erworben?

Provenienzforschung

Nunmehr muss der Erwerbskontext thematisiert werden, auch wenn er nicht rekonstruierbar ist, schon gar nicht lückenlos, Dokumentationen fehlen. Überrascht stellt man fest, dass die Objektgeschichte ebenso viel Geheimnis birgt wie das Objekt selbst. Es geht also nun um Verbrechen und Schuld, um Aufklärung und Provenienzforschung, um Wiedergutmachung, um Fragen von Restitution oder Dauerleihgabe.