Im gänzlich umorganisierten, seit Oktober 2017 wieder zugänglichen Weltmuseum in Wien wird diesen Problematiken viel Raum gewidmet, und im Humboldt Forum, das Ende 2019 im wiederaufgebauten Berliner Schloss eröffnet werden soll, gehen über den anstehenden Fragen die Wogen hoch. In Frankreich wurde die Restitution zur kulturpolitischen Chefsache: Emmanuel Macron verkündete im November 2017 in Ouagadougou zur Überraschung aller Beteiligten und zum Unmut mancher, dass man innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für eine zeitweilige oder endgültige Rückgabe des afrikanischen Erbes an Afrika schaffen wolle.

Ein Jahr später - im November 2018 - und nach Vorlage eines Expertengutachtens hat Frankreich verkündet, 26 Objekte an die westafrikanische Republik Benin übergeben zu wollen. Es sieht also danach aus, als ob das präsidentielle Versprechen mehr sei als die lang geübte Verzögerungstaktik, mit der Museumsverantwortliche, Staaten und Stiftungen als Eigentümer der Bestände möglichst alle Fragen der Restitution auf der langen Bank vor sich herschieben.

Und nun schrillen die Alarmglocken bei den kulturpolitischen Entscheidungsträgern in ganz Europa, denn jedes Eingeständnis einer historischen Schuld von offiziellen Seiten wird unweigerlich Ansprüche nach sich ziehen, die über die Rückgabe von Objekten weit hinausgehen; Reparationsforderungen riesigen Ausmaßes könnten plötzlich im Raum stehen.

Derweilen geht man dazu über, wieder ein anderes Repräsentationssystem zu schaffen und auch Sammelpraxen auszustellen. Heutzutage berichten Begleittexte, wie, wann, auf welchen Wegen und durch welche Lieferkette ein Objekt ins Museum gelangt ist.

Um die Sammelwut vergangener Jahrzehnte zu verdeutlichen, stopft man in die Vitrinen hinein, was hineingeht, von allem viel. Die Regale scheinen zu bersten, zwanzig oder mehr identische oder sehr ähnliche Speere oder Pfeile, Bumerange oder Zeltheringe, Töpfe oder Tücher. Vor dem Dschungel an Dingen stehen verloren und erschlagen die Besucher.

Kooperationen

Hinter der neuen Didaktik steckt uralte museologische Strategie, die erwünschte Reaktion der Betrachter ist - wie seinerzeit im fürstlichen Kuriositätenkabinett - Staunen und Verwunderung: Was soll das? Warum sind all die Dinge hier? Und wozu? Konzeptionell landet man damit wieder bei den musealen Anfängen, als nach Materialien, Gattungen und Kategorien geordnet wurde, und der Fokus nicht auf einzelne herausragende Objekte gerichtet war, sondern auf die Masse dessen, was man besitzt und zur Schau stellen kann. Die ästhetische Komposition, die in jenen Zeiten eine Machtdemonstration war, ist heute ein Verweis auf Fehlverhalten.

Ist das nun wieder eine Vereinnahmung der Objekte? Diesmal, um Schuld abzutragen? Wieder nur der europäische Blick, bemüht zwar, aber kulturnarzisstisch wie eh und je? Das Gebot der Stunde sind jedenfalls Kooperationen mit Museen des Globalen Südens, Austausch von Wissenschaftern, Forschungen mit den Kollegen vor Ort, Ausstellungen in Partnerschaften, Projekte mit Künstlern aus den Gesellschaften der Nachfahren. Besucher aus den Herkunftsländern genießen Vergünstigungen beim Eintritt und werden gebeten, ihre Eindrücke zu den Objekten wiederzugeben. Damit wird den Dingen ein weiteres Narrativ angeheftet.