Schönheit und Jugendlichkeit sind alte Ideale aller Kulturen und kommerziell stets bestens nutzbar. Senioren-Redaktionen traktieren Leser mit Ratschlägen, geschäftstüchtige NGOs stehen bereit, vor allem Seniorenorganisationen im Vorfeld der Parteien, welche die Alten in der Öffentlichkeit oder gegen die Mainstream-Gesellschaft vertreten wollen. Alle drei Mittelparteien haben heute ihre Seniorenorganisationen. Im Hauptgeschäft sind sie aber Reisebüros oder Freizeitklubs, keine Altenlobby. Selbst die UNO als superstaatliche Welteinrichtung hat ihr gutbezahltes Seniorendepartment und spart nicht mit Worthülsen.

Der Therapiestaat

Gehen wir ein Stück auf die Ursachen zu. Ein gravierendes Problem moderner westlicher Gesellschaften ist der Verwaltungsstaat. Er hat im Verbund mit dem Kapitalismus die traditionellen verwandtschaftlichen Verhältnisse und insbesondere die Familie "entrümpelt" und geschwächt.

Das beginnt mit erweiterten Volksgesundheits- und Erziehungsmaßnahmen im militärischen Interesse schon Ende des 19. Jahrhunderts und intensiviert sich mit wissenschaftlicher Unterstützung dann in nahezu allen Lebensbereichen. Für die USA hat diese Entwicklung zum "Therapiestaat" der Historiker und Sozialkritiker Christopher Lasch genau verfolgt, in Europa ist es mit zeitlicher Verzögerung nicht anders gewesen. Hauswirtschaftliche Bildung, Gesundheitsvorsorge, Ernährungs-, Schulprobleme-, Frauen- und Eheberatung und vieles andere dringen in die alte familiäre Sphäre ein, der Staat mischt sich mit freundlichen Hilfsangeboten und Belehrung in die private Lebenswelt. Alle - kommunistische wie kapitalistische - Staaten versuchen, Kinder und Jugendliche zu bilden, zu erziehen, für Wirtschaft, Verwaltung und Gesellschaft passend zu machen. Schulpflicht, Ausbildungspflicht, Kindergartenpflicht, richtige Erziehung, Jugendämter schreiten ein und nehmen einem gegebenenfalls die eigenen Kinder weg.

Dazu kommt, dass die meisten Eltern mittlerweile froh sind, wenn es staatlich organisierte Betreuungsmodelle gibt, um den privaten Erfolgs-, Wettbewerbs-, Einkommens- und Konsumpflichten besser nachkommen zu können. Das trifft zunehmend auch für die Alten zu; das Anstaltsmodell, wenn sie hilflos werden, wird beliebter. Vor allem, wenn es nicht mehr die eigene Geldbörse oder das mögliche Erbe belastet.

Weniger Solidarität

Realistischerweise sollte man sich von einem Kind heute wenig persönliche Unterstützung im Alter erwarten. Kinder haben ihre eigenen Konsuminteressen, und verwandtschaftliche Beziehungen sind heute weit weniger dicht, altruistisch, solidarisch als früher. Es ist dies eine Folge der Verstädterung und Medialisierung des Lebens. Beides verändert wie Geld, Ökonomie und Wettbewerb, die in den großen Städten und Medien beheimatet sind, die sozialen Strukturen.

Die Entwicklung der nationalen Gebilde zu Sozialstaaten - ein Fortschritt, der übrigens nur nationalstaatlich möglich war - hat in Europa viel an Elend und Armut beseitigen können. Damit wurde jedoch die Wechselseitigkeit verwandtschaftlicher Beziehungen und damit von Solidarität aus dem Alltag entfernt - und im Gegenzug der Anspruch auf staatliche Hilfe eingeführt.