Veränderungsaversion

Wer rechtliche Ansprüche hat, bedarf keiner familiären Hilfe und Solidarität mehr. Wenn ein alter Mensch Probleme macht, soll die Krankenkasse, ein Pflegeheim, oder gegebenenfalls eine der vielen Sozialorganisationen - straffe Dienstleistungsindustriebetriebe oder NGOs wie Rotes Kreuz, Caritas, Volkshilfe, Hilfswerk, deren Geschäftsmodell auf viel Freiwilligenarbeit beruht - sich darum kümmern.

Die mit dem Altern, also dem fortschreitenden Leben zum Tode, sich mehrende Gebrechlichkeit und Krankheitsanfälligkeit wurde schon angesprochen; die psychischen Strukturen verändern sich ebenso. Die charakterlichen Merkmale eines Menschen, zur groben Hälfte genetisch determiniert, was heute Multikulturalisten nicht gerne hören, festigen sich mit 30 bis 35 Jahren, verändern sich dann mit ungefähr 60 in Richtung Sicherheit und Aversion gegenüber Veränderung.

Auch die heute begeistert Weltoffenen werden im Alter traditionell (halt auf ihre Art), rigider und zugeknöpfter werden. Freunde sind immer in ähnlichem Alter und die sterben nun weg, neue kommen nicht mehr dazu. Dass die Abschiebung der Alten in Zonen der Fremdbetreuung mitunter selbstgewählt ist, wenn das Geld reicht, zeigt sich in den Rentnerstädten der USA, jetzt folgen in Europa vermehrt teure "Seniorendörfer".

Nicht nur die Verrentung ist eine Zäsur, überhaupt hat die Gesellschaft noch nicht den richtigen Modus gefunden, um mit Alten umzugehen. Dominant ist das Verständnis von Alter als eine Art Krankheitsprozess, den man medizinisch, technisch und durch Selbstoptimierung verzögern könne. Eher traditionell ist das Modell der Hilfsbedürftigkeit, die man persönlich mit etwas Rücksicht und sozial mit Verwaltung (Sozialleistungen für Alte, Tageszentren, adäquate Beschäftigung) kompensieren könne. Und drittens wird Altern als betriebswirtschaftlicher Mehraufwand gesehen, den man irgendwie optimieren solle, damit das Sozialsystem nicht aus dem Ruder läuft. Von persönlicher Souveränität ist da nirgendwo die Rede.

Diskriminierung

Mehr als ein Drittel der Österreicher nimmt Altersdiskriminierung wahr, folgt man der dazu letzten Eurobarometer-Umfrage aus dem Jahr 2008. In Deutschland zeigt eine aktuellere Erhebung, dass Alter und dann Armut zum ausgeprägtesten Diskriminierungsrisiko zählen - demgegenüber die medial recht intensiv behandelte sexuelle Orientierung zum geringsten.

Es gibt ein konfliktträchtiges Verhältnis zwischen den Jüngeren und den Älteren, keine Frage. Eine Wiener Studie aus den 90er Jahren meinte: die Alten sollen sich halt an die Jungen anpassen, nicht klagen und kritisieren, sondern witzig, originell und schlank sein, sowie stets mehr geben als nehmen. Letzteres tun sie jedoch schon längst, die Transferrate von Alt zu Jung beträgt 7 zu 1, ohne Erbe.

Insbesondere in den urbanen Bereichen fehlt eine Kultur des Alterns bei der hier geborenen Bevölkerung, dazu gehörte ebenso eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Tod. So etwas gab es früher, der Historiker Philippe Ariès (Studien zur Geschichte des Todes im Abendland) hat das beschrieben. Vor dem Tod flüchtet man heute, Betroffene wie Angehörige; man schiebt das Sterben in Krankenanstalten und Pflegeheime ab. Zur Demütigung durch Alterskrankheiten und der Beschämung aufgrund von Pflegebedürftigkeit, der Schmach des Alleinseins, kommt für die Betroffenen noch das dumpf tropfende Warten auf den Tod in einem Körper, der nicht ihnen zu gehören scheint.

Die Hospiz-Entwicklung der letzten Jahre mag hier manches mildernd und freundlich verbessert haben, etwa bei der Schmerzbehandlung. Jedoch, wenn Menschen, wie bei einem Freund von mir, die letzten paar Tage ihres Lebens nicht mehr Rauchen oder einen Schluck Wein trinken dürfen, also auf lebenslange Gewohnheiten verzichten müssen, da das eben Vorschrift ist, dann ist das auch nichts anderes als herzlose Verwaltung.