Bei den Gluckmanns ist man schließlich seit Generationen da-ran gewöhnt, sich kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Der Absolvent der Eliteuniversität Sciences Po, der schon als Kind Journalist werden wollte und im unglamourösen 10. Pariser Arrondissement am rechten Seineufer mit politischen Diskussionen, Berichten von Dissidenten aus Osteuropa und Freiheitskämpfern aus Chile aufgewachsen ist - "bei uns saßen alle, egal ob Rechte oder Linke, friedlich vereint am Tisch, obwohl stets hitzig diskutiert wurde" - , durfte schon im Kindesalter an sämtlichen politischen Diskussionen teilnehmen. "Ich wurde von klein auf von meinen Eltern als Gleichgesinnter angesehen, ein großer Vorteil meiner Meinung nach". Etwaigen Kritikern und potenziellen Gegnern nimmt er somit gleich im Vorfeld den Wind aus den Segeln: Sich auf seinen Lorbeeren oder womöglich gar seinem Familiennamen auszuruhen - nichts sei ihm mehr zuwider, erklärte er jüngst in einem Interview der Tageszeitung "Le Monde": "Unsere Wurzeln dürfen nicht unser Schicksal werden".

Seinen Vater - "er war mein bester Freund" - nannte er nie Papa, sondern "Glucks". Der Starphilosoph André Glucksmann, der im Alter von zehn Jahren entschied, nicht mit seiner Mutter Martha nach Wien zu gehen (wo diese bis zu ihrem Tod 1973 lebte, während André in der Obhut seiner Schwester Eliza in Frankreich aufwuchs), galt in den revolutionären 1968er Jahren als Maoist. Er wäre heute sicher stolz auf seinen Sohn, der bereits Ende der 1990er Jahre aus der Komfortzone ausgezogen ist und als Erster Frankreichs Haltung im Ruanda-Konflikt offen kritisiert hatte, während seine Studienkollegen von Sciences Po nach der Vorlesung lieber am Champagnerglas nippten oder an ihrem Karriereplan tüftelten.

Kosmopolitische Aura

Raphaël Glucksmann sah sich schon damals lieber in Algerien, Ruanda und später in der Ukraine um. Dass er heute mit seinem proeuropäischen Programm, das (im Gegensatz zu Macron) weder die Flüchtlingsproblematik noch die Umweltpolitik unter den Tisch fallen lässt, die Linke aus dem Dornröschenschlaf wecken möchte, lässt ihn kometenhaft (vermutlich sogar schneller, als von ihm ursprünglich geplant) zum neuen Shooting-Star der Politikszene aufsteigen. Die Tatsache, dass seine beiden Mitgründer Thomas Porcher und Claire Nouvian der breiten Öffentlichkeit gänzlich unbekannt sind, tut dem Erfolg keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil.

Das Volk hat genug von "Petits Fours" und affektiertem Rive-
Gauche
-Elitismus. Dafür besitzt der Sprössling einer altösterreichischen, aus Osteuropa stammenden jüdischen Familie die gewisse kosmopolitische Aura eines Weltpolitikers. Seine Großeltern väterlicherseits hatten sich in Palästina kennengelernt - in der Jackentasche des Großvaters (der dann 1940 auf einem Schiff starb, das von deutschen Torpedos getroffen wurde), steckte ein Exemplar von Karl Kraus’ Zeitschrift "Die Fackel".