Hingegen führt eine fixer Stichtag am Jahresbeginn zu Ungleichheiten. Dass für die ersten Wahlen zur Nationalversammlung der Neujahrstag 1919 gesetzlich festgeschrieben worden war, brachte eine Härte für Jungwähler mit sich. Meine Großmutter väterlicherseits, Louise Strejcek (geb. Scholtze), die am 11. März 1899 auf die Welt gekommen war, durfte als fast Zwanzigjährige an der Februar-Wahl noch nicht teilnehmen. Das Parlament wurde zudem, mit typisch österreichischer Verspätung, nicht "zu Beginn des Jahres 1919", wie es im November 1918 verheißen wurde, gewählt, sondern aufgrund technischer Vorkehrungen und zweier Novellen der Wahlordnung erst sechs Wochen später.

Die deutschen Wählerinnen und Wähler gingen hingegen plangemäß am 19. Jänner 1919 zu den Urnen. Ein weiterer Rückschlag in Wien wurde durch den Verlust der böhmischen, Südtiroler und südsteirischen Gebiete verzeichnet. Von den geplanten 200 Sitzen konnten nur 159 Abgeordnete in die konstituierende Nationalversammlung gewählt werden, elf weitere wurden hingegen "einberufen".

Nach dem Staatsvertrag von Saint-Germain mussten die drei kooptierten Südtiroler die Nationalversammlung zwar im September 1919 verlassen, konnten aber später für die römische Abgeordnetenkammer kandidieren. Der Abschied verlief tränenreich, auch die Sozialdemokraten, darunter der Südtirolkenner Otto Bauer, gelobten den Kollegen südlich des Brenners Unterstützung und Treue für deren ungewisse Zukunft.

Adelheid Popp wurde die Berufung in das Parlament keineswegs in die Wiege gelegt. Die Arbeiterschriftstellerin, die den böhmischen Herkunftsort ihres Vaters nicht kannte und kein Tschechisch sprach, wurde in eine bitterarme Familie geboren. Die Familie, die in einem Elendsquartier an den Südhängen des Wienerbergs hauste, erkannte bald, dass die Tochter Adelheid ungewöhnlich intelligent und für das Lesen und Schreiben begabt war. Da viele Proletarier um 1880 noch Analphabeten waren, las sie ihren Eltern wichtige Schriftstücke vor und fungierte auch als Vorleserin für Familienangehörige und die nach dem frühen Tod des Vaters aufgenommenen "Bettgeher", welchen ihre Mutter um ein geringes Entgelt ein Dach über dem Kopf bot.


Adelheid Popp schilderte später, dass sie selbst von körperlicher Arbeit ermattet war und viel lieber eine seichte Einschlaflektüre genossen hätte, statt stundenlang zum Gaudium der Mitbewohner vorzutragen, aber sie fügte sich und errang so eine enorme Belesenheit, die ihre spätere Karriere förderte.

Ihre Kindheit und Jugend in der Inzersdorfer Arbeitersiedlung verlief alles andere als idyllisch. Alkohol und häusliche Gewalt verstörten das Mädchen, das trotz seiner Lernerfolge in der Volksschule zu einem frühen Schulabbruch gezwungen und zu Bittgängen bei adeligen Frauen genötigt wurde.

Popp schildert, wie sie in einem der feudalen Räume einer Mäzenin ganz verwundert ihr eigenes Abbild erblickte, da es zu Hause keinen einzigen Spiegel gab. Später musste sie als Bronzearbeiterin ihre Gesundheit aufs Spiel setzen und landete frühzeitig in einer Krankenanstalt und in einem Pflegeheim, wo sie als Sechzehnjährige nicht lange bleiben durfte. Belästigungen durch einen "Reisenden" brachten sie um den Arbeitsplatz; Willkür und ausgedehnte Arbeitszeiten standen auf der Tagesordnung und motivierten die Abgeordnete später, bereits in den ersten Monaten ihrer Tätigkeit den Achtstundentag für Arbeiterinnen und Arbeiter durchzusetzen.