Kein Kräuseln, keinerlei Bewegung, kein Wind, nichts. Spiegelglatt muss das Wasser da liegen. Unter diesen Voraussetzungen funktioniert es am besten: Steine springen lassen. Es ist ein Spiel, das jeder irgendwann einmal gemacht hat und das bereits in der Antike bekannt war. Jeder kennt die kreisförmigen Wellen, die sich rund um die Einwurfstelle ausbreiten. Die Faszination, die von diesem kurzen beschaulichen Augenblick ausgeht, mag auch daher rühren, dass das physikalische Prinzip von Ursache und Wirkung dabei so anschaulich deutlich wird. Vor allem aber sind die schönen, konzentrischen Kreise, die sich unmittelbar einstellen, gewissermaßen ein Sinnbild idealer Resonanz.

Eine ähnlich friedvolle Wirkung wie ein still ruhender See vermittelt derzeit eine Musikrichtung, die sich Neoklassik nennt und die obendrein eine überwältigende Resonanz erfährt: Ruhige Klavierakkorde, sphärische Backgroundchöre und elektronische Beats werden zu meditativen Soundlandschaften. Weil diese Wohlklänge in den Ohren mancher wie ein endloses Intro klingen, bei dem es niemals richtig zur Sache geht, empfinden sie diese Musik als langweilig. Gerade das Minimalistische, Sanft-Freundliche ist es jedoch, was die Neoklassik boomen lässt: Playlists wie "Peaceful piano" werden auf Streaming-Diensten von Millionen Menschen gehört.

Komplexe Soundwelten

Zu den Stars dieser Szene zählt neben Max Richter und Ludovico Einaudi, der den Soundtrack zu dem Kinoerfolg "Ziemlich beste Freunde" schrieb, insbesondere Nils Frahm. Will man den Megatrend Neoklassik besser verstehen, sollte man eines seiner Konzerte besuchen. Der 36-Jährige ist laut britischem "Guardian" der derzeit womöglich populärste Solopianist der Welt.

Wenn man Frahm live erlebt, begreift man, dass man keinen Pianisten im herkömmlichen Sinne vor sich hat. Denn Frahm ist ein genialer Klangkünstler, der eine meditative Gangart einschlägt, ohne dabei einzulullen. Auf verschlungenen Pfaden führt er einen hinein in komplexe Soundwelten. Das Schöne dabei ist, dass die Gedanken dabei auf Wanderschaft gehen können.

Genialer Klangkünstler, der eine meditative Gangart einschlägt: Pianist Nils Frahm. - © Rainer Knäpper
Genialer Klangkünstler, der eine meditative Gangart einschlägt: Pianist Nils Frahm. - © Rainer Knäpper

Der Geist beginnt, umherzuschweifen und vor sich hin zu mäandern. Gleichzeitig rückt die allzu oft hektische Außenwelt allmählich in den Hintergrund. Neoklassik ist wie geschaffen für all die gestressten Zeitgenossen, die ein immer stärker werdendes Bedürfnis nach Rückzug, Ruhe und Entspannung verspüren. Neoklassik ist Meditationsmusik für die Kopfmenschen von heute.

Nun ist hinlänglich bekannt, dass Stress ein Phänomen ist, das an Leib und Seele vieler Menschen nagt. Die Digitalisierung geht mit Veränderungen einher, die nicht folgenlos bleiben: Arbeitnehmer müssen ständig erreichbar sein - oder glauben dies zumindest, sie checken noch vor Bürobeginn ihre Mails und können auch zu Hause nur schwer abschalten. Die Digitalisierung ist gewiss nicht die einzige Ursache für Stress, doch sie potenziert ihn zweifellos.