Keine Ausprägung des digitalen Zeitalters

Wer allerdings der Meinung sein sollte, dass Fake News eine Erscheinung des digitalen Zeitalters seien, der irrt. Propaganda gab es immer schon und auch das Faktum, dass man (Medien-)Berichte für seine Zwecke zu nutzen suchte. Erst kürzlich fanden Archäologen eine Festung, bei der es sich um jene handeln soll, die Caesar in einem Bericht an den Senat beschrieben hat. Allerdings in einer drastischen Übertreibung der tatsächlichen Maße. Es wird nun vermutet, dass Caesar absichtlich von viel größeren – und damit auch bedrohlicheren Ausmaßen – der feindlichen Stellungen berichtet hat, um dem Senat mehr Geld für seine Feldzüge zu entlocken.

Auch große Universalgelehrte sind nicht vor Fälschungen gefeit. So berichtete doch niemand geringerer als Gottfried Wilhelm Leibniz in seiner, 1749 posthum herausgegebenen, Schrift "Protogaea" mit einer Zeichnung von einem Tier, das als "Einhorn von Quedlinburg" in die Annalen der Paläontologie ein-ging. Man vermutet, dass es sich dabei in Wahrheit um mehrere Knochen von Mammuts handelte, die so vermischt waren, dass ein Stoßzahn als Teil eines "Monokeros" interpretiert wurde. Davon berichteten im Übrigen davor schon Plinius der Ältere, Caesar und sogar die Bibel, wobei die dortige Erwähnung auf einem Übersetzungsfehler beruht.

Es muss also nicht immer alles bösartig gemeint sein, was man als Falschmeldung entlarvt. Manche Fehler werden auch erst Jahrzehnte später entdeckt, wenn sich etwa technologische Innovationen durchsetzen, die eine genauere Einordnung ermöglichen. Gerade in der Geschichtsschreibung, man denke nur an die Zeit der mündlichen Überlieferung, kann man sich lediglich auf möglichst logische Interpretationen, nicht aber auf Wahrheiten verlassen. Nicht zu vergessen, es finden sich zwar zahlreiche Heldenmythen, aber das Leben der Frauen oder ärmerer Bevölkerungsschichten wurde lange Zeit historisch vernachlässigt. Es zeigt sich auch, dass historisch betrachtet, Sprache und Berichte die wesentlichen Faktoren für Sichtbarmachung sind. Die Grenzen der Sichtbarmachung liegen allerdings dort, wo Originalaufzeichnungen und Zeitdokumente, wenn vorhanden, vernichtet oder verfälscht werden. Der Versuch, das geistige Erbe zu erhalten, in Bibliotheken zu digitalisieren, zu sammeln und der Nachwelt zu erhalten, ist somit eine unglaublich große Aufgabe. Die für sich genommen einen ganzen Fragenkatalog aufwirft: Datenschutz- und Haftungsfragen (wem gehören welche Daten, wer darf sie sammeln oder verwenden?), was wird sich aus dem weiten Feld der künstlichen Intelligenz in diesem Bereich noch ergeben? Sollen Algorithmen in Zukunft entscheiden, was wert ist aufgehoben zu werden oder können es nur mehr Maschinen schaffen, einen Überblick über relevante Themen und Dokumente zu behalten?

Viele Experten gehen davon aus, dass es einer grundlegenden Diskussion und eines großen, weltweiten Diskurses über diese Themenaspekte bedarf. Wem kann, wem soll man vertrauen? In vielen Ländern gibt es etwa staatlichen Institutionen gegenüber eine mehr als kritische Haltung. Gerade in sozialen Netzwerken wiederum neigt man dazu, Quellen nicht immer zu hinterfragen, vor allem wenn die Nachrichten von Freunden oder Bekannten geteilt oder geliked wurden. Es scheint, dass nur eine intensive Beschäftigung und Bildung in diesem Bereich zu einem guten Endergebnis führen können. Wissen und Fakten, glaubwürdige Quellen und ein breiter Diskurs sind die Schlüssel zum Erfolg. Schon Papier war geduldig, die digitalen Welten sind es erst recht – und dabei noch viel unüberschaubarer.