Regeln und Vorbilder

Erst im Grundschulalter werden Regeln auch gültig, wenn kein Erwachsener anwesend ist. Bei Spielen wird dann auch intensiv diskutiert, was erlaubt ist und was nicht. Regelverstöße werden in dieser Phase unter Kindern streng verurteilt. Die Impulskontrolle beginnt, gelingt aber immer noch oft nur mit Hilfe der Erwachsenen. Dennoch, mit etwa zehn Jahren beginnen Kinder zu erkennen, dass Regeln Hilfen sind, und das gefällt ihnen sogar.

"Jede Verhaltensauffälligkeit bei einem Kind ist jedoch ein Hilferuf nach außen. Und wenn Kinder lügen, dann hat das Ursachen, die mit den Erwachsenen zusammenhängen. Eltern sind die wichtigsten Vorbilder und Orientierungshilfen für ihre Kinder", mahnt die Therapeutin. "Dabei orientieren sich die Kleinen weniger am Gesagten oder Gehörten, sondern an Mimik, Gestik und Gefühlen. Erwachsene unterschätzen immer wieder, wie genau Kinder sie beobachten. Immerhin ‚lesen‘ diese ihre Eltern seit ihrer Geburt. Und Kinder halten uns eben auch einen Spiegel vor. – Das ist nicht immer nur angenehm", lächelt sie leise.

Fatale Notlügen

Eine typische Situation: Mama telefoniert mit Oma, will das Gespräch beenden und erklärt, Gäste würden erwartet und sie hätte keine Zeit mehr zu reden. Das Kind steht daneben und weiß genau, dass gerade niemand zu Besuch kommt. "Da beginnen Kinder an der Kompetenz der Eltern zu zweifeln. Gelten die Regeln nun oder nicht? So eine Notlüge ist ein echtes Eigentor", erzählt die Psychologin.

Was aber sollten die Eltern nun in dieser Situation tun? "Den Fehler zugeben, erklären, warum man das so gemacht hat, dass man es besser hätte machen sollen."

Bewusstes Lügen und Schwindeln sind für Gerlinde Lunzer dennoch ganz unterschiedliche Kaliber. "Schwindeln, das ist so ein spontaner Gefühlsausweg, um in einer Krise wieder die Oberhand zu bekommen, keine große, länger geplante Aktion wie eine handfeste Lüge", meint sie.

Immerhin sind echte Lügen intellektuelle Meisterleistungen. Um die Wahrheit manipulieren zu können, muss man sie nämlich erst einmal kennen. Dann muss man die Lüge im Vorhinein planen, die Tatsachen so verdrehen, dass sie dem eigenen Zweck dienlich sind, vom Gegenüber aber auch noch akzeptiert werden können. Dafür wiederum muss der Lügner sich in sein Gegenüber hineinversetzen können, seine Mimik, Gestik und Sprache entsprechend anpassen können und die verräterischen Spuren verwischen. All das ist ein unglaublicher Aufwand, den Kinder auch im Grundschulalter noch nicht perfekt beherrschen. – Daher ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass man ihnen noch recht leicht auf die Schliche kommt.

Strafen bringen nichts

Aber warum lügen Kinder eigentlich? Hauptsächlich, um Bestrafung zu vermeiden und um so zu erscheinen, wie es sich die Eltern wünschen, da sind sich die Experten mittlerweile einig. Wenn nun also ein Kind dabei erwischt wird, dass es lügt und dafür bestraft wird, setzt sich ein wahrer Teufelskreis in Bewegung: Aus Angst vor Strafe wird noch mehr gelogen. Unangenehme Wahrheiten, die ans Tageslicht gelangen, lösen ja Strafen aus, haben die Kinder gelernt. Strafen bringen also genau gar nichts, im Gegenteil, sie machen es noch schlimmer, warnt Gerlinde Lunzer.

Die extrem emotionalen Reaktionen vieler Eltern auf die Lügen ihrer Kinder erklärt sie damit, dass wir alle dann besonders empfindlich sind, wenn uns ein Spiegel vorgehalten wird. Die Ursachen für die Lügen des eigenen Kindes bei sich selbst zu suchen, ist eben viel unangenehmer als ein Fernseh- oder Handyverbot auszusprechen. Auch die Angst vor dem Verlust der kindlichen Unschuld und der drohende Vertrauensverlust spielen dabei eine Rolle, erläutert Lunzer Erfahrungen aus der eigenen Praxis. "Und die meisten von uns werden dabei auch mit den eigenen kindlichen Erfahrungen mit Lügen konfrontiert, erinnern sich an die Reaktion ihrer eigenen Eltern." Aus dieser emotionalen Altlast auszusteigen und zu reflektieren, ist auch für Erwachsene nicht einfach.