"Hilfe! Mein Kind lügt!", trompetet die Schlagzeile. In Elternforen im Internet tauschen sich die Erziehungsberechtigten aus, sie sind verzweifelt, hinterfragen ihre Erziehungsmethoden, jammern über Vertrauensverlust, diskutieren über die besten Strafen. "Diese Jugend von heute!" schwingt wieder einmal als Tenor mit.

Über das Wesen der kindlichen Lüge hingegen spricht man nur selten. Denn da müsste man tiefer blicken, bis in die Entwicklungspsychologie des Menschen und würde schnell feststellen: Lügen gehören zur menschlichen Entwicklung dazu. Sie sind für uns Erwachsene ein ganz selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens – Exit-Strategien aus peinlichen Situationen, kleine Fluchten aus emotionalen Fallen, Höflichkeitsstrategie und sozialer Kitt. Bei Kindern, insbesondere bei kleinen Kindern, muss man auch gar nicht so schockiert sein, wenn sie einmal die Unwahrheit sagen. Um Lügen handelt es sich bei den Minis nämlich nicht wirklich.

Lüge ist nicht Lüge

Genau genommen können Kinder erst ab einem bestimmten Alter lügen, erläutert uns Dr. Gerlinde Lunzer, klinische Psychologin und Gesundheitspsychologin, im Gespräch in ihrer Praxis. "Bis zum Alter von vier, fünf Jahren befinden sich Kinder in der Phase des magischen Denkens. In dieser unterscheiden sie nicht zwischen tot oder lebendig. Ein Tisch, der im Weg steht, an dem sie anstoßen, sich wehtun, ist dann ein böser Tisch. Ihre Fantasie macht alles lebendig, und alles was denkbar ist, ist für sie auch Realität."

Die eigene Fantasie und die Wirklichkeit werden in der magischen Phase immer wieder einander gegenübergestellt, in Spielen, typischerweise Rollenspielen, werden sie laufend abgeklopft. Dass es Grenzen gibt, das wissen die Kleinen zwar, sonst könnten sie ja nicht aus dem Spiel aussteigen, aber diese sind noch nicht richtig greifbar, erklärt die Psychologin.

Moral und Schokolade

Auch die Moral von richtig und falsch ist noch ein dehnbarer Begriff, Lunzer nennt ein Beispiel: "Die Eltern sagen ihrem Kind im Kindergartenalter, die Lade mit den Süßigkeiten darf es nicht aufmachen. Dann verlassen sie den Raum. Das Kind bleibt zurück und bekommt Appetit auf Süßes, es weiß um die Schublade. Der Impuls ist also, hinzugehen und sich etwas zu holen. Und genau das machen die meisten Kleinkinder in dieser Situation auch. Wenn dann die Eltern wieder ins Zimmer zurückkommen und fragen, ob es Süßigkeiten genommen hat, verneint das Kind. – Warum? Für Moral und Regeln sind die Eltern zuständig, wenn sie nicht da sind, gibt es nur noch den Impuls. Und erst wenn sie zurückkommen, erinnert sich das Kind wieder an die Regel. Dann meinen die Eltern, das Kind lüge, womöglich hat es sogar noch Schokolade um seinen Mund verschmiert!", amüsiert sich die erfahrene Kinderpsychologin über diese typische Situation.

"Erst im Alter von etwa sieben Jahren wechseln die Kinder in die nächste Entwicklungsphase, die kognitive Phase. Mit dem konkreten Denken beginnen sie zu unterscheiden, was Fantasie und was Realität ist. Regeln werden wichtig. Davor kann man nicht von Lügen sprechen, denn das Kind unterscheidet ja nicht zwischen eigener Wahrnehmung und Realität.", erläutert Gerlinde Lunzer.

"Eine Lüge ist eine bewusst falsche Aussage, welche dazu dient, durch die Täuschung bestimmte Ziele zu erreichen." So steht es jedenfalls im Lehrbuch der speziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie (Harbauer, Lempp, Nissen, Strunk). – "Bewusst und absichtlich, das ist wichtig, erst dann handelt es sich um eine Lüge", ergänzt Lunzer. "Deswegen kann man in der magischen Phase ja auch nicht von Lügen sprechen, weil die Kinder das nicht absichtlich machen. Sie können noch nicht über ihr Verhalten reflektieren. Daher ist es auch sinnlos, sie zu fragen, warum sie gelogen haben. Kinder leben im Hier und Jetzt. Um zu lügen, muss man sich aber die Zukunft vorstellen können, um die Gegenwart manipulieren zu können."