"Erst im Alter von etwa sieben Jahren wechseln die Kinder in die nächste Entwicklungsphase, die kognitive Phase. Mit dem konkreten Denken beginnen sie zu unterscheiden, was Fantasie und was Realität ist. Regeln werden wichtig. Davor kann man nicht von Lügen sprechen, denn das Kind unterscheidet ja nicht zwischen eigener Wahrnehmung und Realität.", erläutert Gerlinde Lunzer.

"Eine Lüge ist eine bewusst falsche Aussage, welche dazu dient, durch die Täuschung bestimmte Ziele zu erreichen." So steht es jedenfalls im Lehrbuch der speziellen Kinder- und Jugendpsychiatrie (Harbauer, Lempp, Nissen, Strunk). – "Bewusst und absichtlich, das ist wichtig, erst dann handelt es sich um eine Lüge", ergänzt Lunzer. "Deswegen kann man in der magischen Phase ja auch nicht von Lügen sprechen, weil die Kinder das nicht absichtlich machen. Sie können noch nicht über ihr Verhalten reflektieren. Daher ist es auch sinnlos, sie zu fragen, warum sie gelogen haben. Kinder leben im Hier und Jetzt. Um zu lügen, muss man sich aber die Zukunft vorstellen können, um die Gegenwart manipulieren zu können."

Regeln und Vorbilder

Erst im Grundschulalter werden Regeln auch gültig, wenn kein Erwachsener anwesend ist. Bei Spielen wird dann auch intensiv diskutiert, was erlaubt ist und was nicht. Regelverstöße werden in dieser Phase unter Kindern streng verurteilt. Die Impulskontrolle beginnt, gelingt aber immer noch oft nur mit Hilfe der Erwachsenen. Dennoch, mit etwa zehn Jahren beginnen Kinder zu erkennen, dass Regeln Hilfen sind, und das gefällt ihnen sogar.

"Jede Verhaltensauffälligkeit bei einem Kind ist jedoch ein Hilferuf nach außen. Und wenn Kinder lügen, dann hat das Ursachen, die mit den Erwachsenen zusammenhängen. Eltern sind die wichtigsten Vorbilder und Orientierungshilfen für ihre Kinder", mahnt die Therapeutin. "Dabei orientieren sich die Kleinen weniger am Gesagten oder Gehörten, sondern an Mimik, Gestik und Gefühlen. Erwachsene unterschätzen immer wieder, wie genau Kinder sie beobachten. Immerhin ‚lesen‘ diese ihre Eltern seit ihrer Geburt. Und Kinder halten uns eben auch einen Spiegel vor. – Das ist nicht immer nur angenehm", lächelt sie leise.

Fatale Notlügen

Eine typische Situation: Mama telefoniert mit Oma, will das Gespräch beenden und erklärt, Gäste würden erwartet und sie hätte keine Zeit mehr zu reden. Das Kind steht daneben und weiß genau, dass gerade niemand zu Besuch kommt. "Da beginnen Kinder an der Kompetenz der Eltern zu zweifeln. Gelten die Regeln nun oder nicht? So eine Notlüge ist ein echtes Eigentor", erzählt die Psychologin.

Was aber sollten die Eltern nun in dieser Situation tun? "Den Fehler zugeben, erklären, warum man das so gemacht hat, dass man es besser hätte machen sollen."